Autoren Archiv - alle Artikel von Heidi Reed

 
 

Was ich von Haiti lernte – Abschiedsworte von Heidi Reed

von Heidi Reed

Vom Rücksitz eines Plan Autos aus sehe ich die Landschaft an mir vorbeirasen. Alles findet auf den Straßen in Port-au-Prince statt, auch Abfall, Bauschutt, Hühner und herumstreunende Hunde. Es wäre leicht, mich ausschließlich auf das Chaos und die Probleme hier zu konzentrieren. Aber dann sehe ich Johnny hinterm Steuer, einen der Fahrer von Plan, und erinnere mich daran, wie er mir stolz ein Foto seiner siebenjährigen Tochter zeigt, und an die vielen Male, bei denen das die anderen Fahrer ebenfalls taten. Bilder der Töchter in Schuluniform, mit Schleifen im Haar und einem kleinen Lächeln für die Kamera.

Am Ende des Monats verlasse ich Haiti, um mich neuen Aufgaben zu widmen. Ich weiß jetzt schon, dass ich es vermissen werde – sogar die furchtbaren Straßen, die mich so durchgeschüttelt haben, bis ich jeden einzelnen Knochen im Körper spürte. Oder den Straßenverkehr, der mir Geduld abverlangte.


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Das Trauma der Armut beenden

von Heidi Reed

Als ich von Februar bis Anfang März 2010 in Haiti war, fuhr ich in Plans Programmgebiet im Südosten. Ich traf ein sechsjähriges Mädchen in einem der roten Zelte, die Plan den Gemeinden nach dem Erdbeben zur Verfügung gestellt hatte. Ihr Name war Nicole* und sie war total begeistert davon, dass ich sie fotografierte. Wenn sie lächelte, funkelten ihre Augen wie Sterne. Nachdem ich aus Haiti abreiste, habe ich oft an sie gedacht und mich gefragt, ob sie okay ist.

Letzte Woche war ich wieder im Südosten, dieses Mal mit einem amerikanischen Filmteam, um einige haitianische Mädchen zu treffen. Das Filmteam erstellt einen Film für ihre Kampagne (10×10) über die großen Veränderungen von Familien, Gemeinden und Ländern, die geschehen, wenn man Mädchen Bildung ermöglicht.


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Das Medieninteresse schwindet – die Hoffnung nicht

von Heidi Reed

Als ich im Februar 2010 das erste Mal in Haiti war, fragte ich einen der Fahrer von Plan, wie es ihm nach dem Erdbeben ergangen sei. Er berichtete von tragischen Verlusten: das Haus, das er mit eigenen Händen erbaut hatte, seiner jahrelangen Berufstätigkeit als Schiffsmechaniker und dem Traum seiner 17-jährigen Tochter, Ärztin zu werden. Das neue Heim der Familie war das Auto, in dem wir fuhren. Trotz alledem lächelte er und erzählte, dass er das erste Mal seit langer Zeit Hoffnung schöpfe: “Wenigstens einmal schenkt die Welt Haiti Aufmerksamkeit.” 
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Schutzzonen für Kinder und Frauen in Haiti

von Heidi Reed

Tap-Tap, so heißen die vielen bunten Busse, die in jeder erdenklichen Größe und Form durch Haiti fahren. Während ich im Stau stehe, lese ich ihre handgemalten Botschaften, die von einer tiefen spirituellen Gläubigkeit der Haitianer zeugen: One Love. Ave Maria. L’eternal est grand. Miracles. Patience. Benediction Divine.

Nachts höre ich oft die Menschen singen oder quirlige Tanzmusik spielen. Das Zusammenspiel von Liebe, Glaube und Hoffnung lässt mich glauben, dass in Haiti alles in Ordnung ist.

Armut nimmt einem weder die Würde noch die Freude und sie hält auch keine schöne Braut von ihrer Hochzeit ab. Sie stellt jedoch Friede und Freude, die aus einem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit entstehen, vor herzzerreißende Herausforderungen.
Es ist bekannt, dass Haiti schon vor dem Erdbeben sehr komplexe soziale Probleme hatte. Aber jetzt, in den großen provisorischen Zelt-Camps, die neben den menschenleeren Gemeinden entstanden sind, werden des Nachts Frauen, Mädchen und höchstwahrscheinlich auch kleine Jungen ihres Rechts auf persönlichen Schutz beraubt – mehr als je zuvor.

Der Weg zur mobilen Toilette oder dem freien Feld ist am schrecklichsten (je nach Qualität des Camps). Viele Frauen und Mädchen tragen jetzt zu ihrem Schutz zu jeder Zeit Jeanshosen.

Ich verbrachte einen Tag mit Andrinette Cadet, der Gesundheitsberaterin von Plan Haiti. Sie erzählte mir, dass sie seit 20 Jahren in Initiativen arbeitet, die sich für den Schutz von Mädchen und Frauen vor Gewalt engagieren.

Ich besuchte mit ihr zusammen ein Treffen, das vom Ministerium für Frauengesundheit ausgerichtet wurde. Dort wurde diskutiert, wie Regierung, Polizei und Nichtregierungsorganisationen am besten zusammenarbeiten könnten, um die geschlechtsspezifische Gewalt in den Camps zu reduzieren.

Auf dem Rückweg bat ich Andrinette, mir die Gründe für die Gewalt in den Camps zu erklären. Sie sagte sehr frustriert, dass viele Männer Glauben, Frauen und Mädchen seien nur für den Sex da. Ihre Meinung wird auch noch durch die traurige Tatsache bestätigt, dass die Opfer sich nicht trauen, dagegen zu sprechen oder sich zu verteidigen.

Seit dem Erdbeben arbeiten Organisationen wie UNICEF, Plan, World Vision und Save the Children sehr hart daran, Hunderte von kinderfreundlichen Zonen im gesamten Erdbebengebiet einzurichten und den Kindern zu helfen zu singen, spielen und ihr Trauma zu bewältigen.

Plan hat diese Zonen für verschiedene Zwecke eingerichtet. Wenn die Kinder sie am Nachmittag verlassen haben, werden sie zu Anlaufstellen für Frauen: Sichere Orte, wo sie über ihre Erfahrungen sprechen können. Erfahrungen, die nur die Frauen in Haiti machen.

Erholung von der Welt

von Heidi Reed

Als ich vor zwei Wochen in Haiti ankam, wurde mir gesagt, dass die Straße von Port-au-Prince nach Jacmel zu einer der Gefährlichsten gehört. Sobald es zu regnen anfängt, machen Schlammlawinen die Straße unpassierbar.

Plan Haiti hat ein Büro in Jacmel, einer Hafenstadt im Südwesten des Landes. Vor dem Erdbeben war sie bekannt für ihre pittoresken kolonialistische Architektur und lebendige Kunst-Szene. Ich hatte den Film von Plan gesehen, wo Tausende von Zelten über den Seeweg aus der Dominikanischen Republik gerade mal ein paar Tage nach dem Erdbeben an Land gebracht wurden. Die Stadt war stark beschädigt und die Menschen von allen Versorgungswegen aus Port-au-Prince abgeschnitten.

Am Freitag erfuhr ich, dass Marc-Antoine Lefedor, Leiter der EDV Abteilung von Plan Haiti, am nächsten Tag nach Jacmel reisen würde, um nach seinem Team zu sehen. Ich fragte, ob ich mitreisen kann, denn ich wusste, es würde die letzte Möglichkeit sein, vor meiner Abreise dorthin zu fahren. Ich wollte sehen was genau mit den Zelten passiert war.

Samstag war ein klarer blauer Tag und ich verschwendete keinen einzigen Gedanken an den Regen. Obwohl die Straße, die zum Berg führte, an einigen Stellen Risse und Verwerfungen hatte, fühlte ich mich sicher. Die Straße war lang und gewunden, aber gut asphaltiert. Wir kamen durch den Ort Leogane, dem Epizentrum des Erdbebens. Dort kauften so viele Menschen Obst, Gemüse und Kleinigkeiten am Straßenrand, dass wir hupen mussten, damit wir durchkamen. Es war Markttag.


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Hochzeitsglocken in Haiti

von Heidi Reed

Am Freitag erhielt ich in Croix-des-Bouquets einen unerwarteten Anruf. Ich sollte unbedingt am späten Nachmittag in Port-au-Prince sein. Guerdy, die Personalleiterin von Plan Haiti, hatte vor zu heiraten und ich sollte helfen Fotos zu machen. Eine Kollegin von Plan Kanada, ein weiterer Kollege vom Plan-Büro und ich machten uns auf den Weg.

Nach einer langen verkehrsreichen Fahrt erreichten wir die Kirche. Ich konnte kaum glauben, dass wir am richtigen Ort waren. Neben der Kirche lag der allergrößte Trümmerhaufen, den ich jemals gesehen habe – ungefähr zehn Meter hoch. Und oben drauf lagen ineinander verheddert, ein paar verbogene Stühle. Die Stühle waren klein, gerade mal groß genug für Kinder. Erst jetzt realisierte ich, dass hier die Schule der Kirche zusammengefallen war. Der Geruch von Tod lag in der Luft – ein Geruch, wie man mir sagte, den man unmöglich vergisst.


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