Es war ein schwieriger, ein aufwühlender Tag.
von Freddy Hansmann - AdministratorinPlans Katastrophenkoordinator Dr. Unni Krishnan – ein renommierter Traumaexperte, der bereits in Haiti, Pakistan, Japan und anderen großen humanitären Krisen die Hilfsmaßnahmen von Plan geleitet hat, ist derzeit in Ostafrika. Er berichtet für uns aus Äthiopien.
Wir sind unterwegs in Äthiopien, wo Plan in der derzeitigen Hungersnot und Dürre Nothilfe leistet. Wir halten an einem Ort namens Edo. Er liegt in Shebedino, einer der am stärksten betroffenen Regionen im Bundesstaat “Südliche Nationen, Nationalitäten und Völker” (SNNPR).
Wenn man hier ankommt, blickt man auf die Landschaft und alles sieht grün aus, man scheint umgeben von Feldern und Plantagen mit Pflanzen. Der erste Gedanke ist: ‚Wo liegt eigentlich das Problem? Hungern die Menschen hier wirklich?’
Es ist irreführend. Bei genauer Betrachtung sieht man, dass die Ernte keine Erträge hat – weil der Regen nicht kam, sind die Früchte nicht gereift und essbar, nutzlos – ein Phänomen, das man ‚Grüne Dürre’ nennt. Es ist heimtückisch.
Wir kommen zu einer kleinen Anlage mit ein paar Gebäuden, ein paar alten Schuppen. Militär ist anwesend. Bei der ersten Runde der Nahrungsmittelausgabe Anfang Juli waren hier Hunderte Erwachsene und Kinder. Jetzt gibt es hier nichts mehr. Die Geschäfte, die Lebensmittel hatten, haben mittlerweile nichts mehr außer wenigen Säcken Mais und Getreide. Das ist alles, was übrig ist. Es ist nicht so, dass die Nahrung langsam knapp wird – sie ist knapp! Das Regal ist leer. Was jetzt tatsächlich knapp wird, ist die Zeit.
Wir treffen die junge Mutter von fünf Kindern, Meselech. Meselech stillt ihr vier Monate altes Baby Abraham. Oder eher, versucht es. Es lässt einen verzweifeln und ist erschreckend, das anzusehen. Zum Stillen braucht man als Mutter genug Essen für zwei Menschen, sagen die Leute hier, aber sie hat kaum genug für eine Person. Sie sieht müde aus, erschöpft. Sie versucht alles, um Abraham zu füttern. Er weint ständig. Er beruhigt sich nicht, kann nicht schlafen.
In der Gesundheitsstation haben sie ihr gesagt, dass drei ihrer Kinder stark unterernährt sind. Deshalb ist sie eine derjenigen, die Zusatznahrung erhält. Eine Rettungsleine in Hungersnöten.
Bei der letzten Ausgabe von Lebensmitteln hat sie 22,5 Kilogramm Mais, 4,5 Kilogramm Bohnen, 0,9 Liter Öl zum Kochen erhalten. Der Umfang an Nahrungsmitteln wurde anhand der Anzahl ihrer unterernährten Kinder berechnet. Aber diese Hilfe hielt nicht lange vor. Ohne Zweifel hat sie versucht, von dieser Ration ihre gesamte Familie zu ernähren, vielleicht sogar noch andere. Es ist menschlich. Wenn Du oder ich hungern müssten, unser Kinder hungerten – würdest Du versuchen, Nahrung zu sparen und nur an ein paar wenige geben? Für die, die täglich darum kämpfen, eine Mahlzeit zu bekommen – gibt es für diejenigen einen Unterschied zwischen ‚stark unterernährt’ und ‚unterernährt’? Es gibt ihn nicht. Für Mütter wie Meselech, die ihre Kinder kaum ernähren können, bedeutet Hunger ganz simpel: Ihre Kinder können nicht gehen, nicht spielen oder schlafen.
Die Situation in Äthiopien ist komplex und kompliziert. Mehrere Faktoren spielen dabei eine Rolle. Zwischen den zahlreichen ethnischen Gruppen kommt es immer wieder zu bewaffneten Konflikten um Landnutzungsrechte. Hunderte Menschen verließen ihr Zuhause wegen der Kämpfe. Ihre Häuser wurden zerstört. Erst Monate später kehrten sie wieder zurück. Das Haus dieser Mutter ist abgebrannt, als die Konflikte kürzlich wieder aufflammten.
Der Regen kam auch im Februar wieder nicht und die Ernte fiel aus, in einer Gegend, die ohnehin schon sehr geschwächt war. Der Zugang zu Land ist für viele Familien ein großes Thema, die ihre eigenen Pflanzen anbauen wollen.
Edo zählt nicht zu den Regionen, in denen Plan normalerweise tätig ist. Wir haben zunächst in unseren Programmgebieten wie Shebedino seit einiger Zeit mit zusätzlichen Nahrungsmittelausgaben eingegriffen und versucht, die Menschen bei ihrem Viehbestand zu unterstützen. Wir haben bereits über 3.000 Kindern und stillenden Müttern geholfen. Auch mit langfristigen Lösungen wie Reparaturen und der Instandsetzung von Wasserstellen sowie dem Angebot von hochwertigem Saatgut.
Im Bezirk Wondogenet, in dem Edo liegt, erhalten nun weitere 5.000 Kinder und stillende Mütter zusätzlich Nahrung über Plans Nothilfeeinsatz.
Wir befürchten, dass die Situation schlimmer ist als von allen vorher erwartet. -Schätzungen zufolge sind über 12,39 Millionen Menschen in Not am Horn von Afrika, davon allein 4,8 Millionen in Äthiopien. Plan wird in fünf neuen Gebieten agieren, weil der Bedarf so dringend ist. Es ist schwierig, wenn man in einer neuen Region anfängt. Man muss die Erlaubnis der lokalen Regierung und Behörden einholen und das Gebiet erst kennenlernen.
Allein in Shebedino wurden 3.695 neue Fälle von Kindern und stillenden Müttern mit Unterernährung identifiziert, es gibt Gespräche mit der lokalen Regierung, so dass wir mit der Verteilung von Zusatznahrung beginnen können.
Die Vereinten Nationen (UN) sagen, die Anzahl der somalischen Flüchtlinge, die täglich hierher kommen, sind von 2.000 auf 300 täglich gesunken – und steigt rapide in Kenia. Aber die Frage, die man stellen muss, ist: ‚Sinkt die Zahl, weil die Menschen zu erschöpft sind, um es über die Grenze zu schaffen oder gehen sie nur woanders hin?’ Oder sind die Grenzen dicht?
Die Dürre ist eine schleichende Katastrophe. Man kann im Voraus wissen, dass sie kommt und dass sie zu Nahrungsmittelknappheit führen kann. Das Frühwarnsystem FEWS Net, das nach der Hungersnot 1985 eingerichtet wurde, bezeichnet die aktuelle Krise als „schwerste Dürre seit 60 Jahren“. Im Fall des benachbarten Somalia – wo über 2,8 Millionen Menschen dringend Lebensmittelhilfe benötigen – wurde die Hungersnot im Juli deklariert, acht Monate nach der ersten FEWS Net-Voraussage. Der erste UN-Aufruf kam danach. Zu dem Zeitpunkt war die Situation schon gefährlich gekippt.
Die gute Nachricht ist, dass man ein funktionierendes Frühwarnsystem hat. Die schlechte Nachricht ist, die Welt interessiert sich nicht dafür – erst wenn Bilder von sterbenden Kindern in den Medien stehen – wenn es schon fast zu spät ist.
Die UN sagt, zwei Milliarden Dollar werden für das Horn von Afrika benötigt. Kommt nur die Hälfte zusammen, hungert die Hälfte der Menschen hier weiter. Reiche Nationen sollten großzügiger sein und müssen jetzt handeln. Noch viel mehr brauchen wir aber nachhaltige, langfristige Lösungen, um zu verhindern, dass das immer und immer wieder geschieht. Das würde bessere Nahrungssicherheit beinhalten, bessere öffentliche Gesundheitssysteme, Maßnahmen zum Katastrophenschutz, bessere agrar- und viehwirtschaftliche Praktiken, bessere Handelsabkommen etc.
Am Wichtigsten ist, dass Kinder im Zentrum der Diskussionen über ‚Dürre’ oder Nahrungsmittelkrise stehen. Sie trifft es am Schlimmsten und sie werden oft am wenigsten gehört. Im Fall von Meselech und Abraham haben wir gerade noch rechtzeitig eingegriffen.
Weitere Informationen zur Hungersnot in Ostafrika und Plans Nothilfe in Südsudan, Äthiopien und Kenia findet Ihr unter Aktuelles auf der Plan Homepage.
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5. August 2011 um 18:09
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