Ein Engel für die Kinder von Chocó

von Maike Roettger

Naturkatastrophen und Formen von Gewalt bestimmen das Leben vieler Menschen in Kolumbien. Mit einem ungewöhnlichen Graffiti-Projekt sorgt Plan für ein Umdenken in der Gesellschaft. Vor allem sexuelle Übergriffe sollen so vermieden werden. Parallel werden Mädchen und Jungen für die Nothilfe im Katastrophenfall geschult. Maike Röttger, Geschäftsführerin Plan Deutschland, brachte diesen eindrücklichen Bericht von einem Besuch mit.

Der Engel von Chocó leuchtet von einer schmuddeligen Schulhauswand in dem kleinen Ort Quibdo am Rande des Regenwaldes. Weit sind die orangenen Flügel ausgebreitet, vertrauensvoll lächelt der Engel, der die Haare so trägt, wie es in Quibdo gerade Mode ist. Mit vielen kleinen verzierten Zöpfen. „Meine Zuflucht“, hat der Künstler daneben gesprüht. So wie es ihm die Kinder von Quibdo gesagt haben. Wenn sie an Schutz denken, dann denken sie an diesen Engel. Denn von kaum jemand anderem erfahren sie ihn. Gewalt – auch sexuelle Gewalt – ist in dieser Gesellschaft bis in die Familien hinein so verbreitet, dass sie nicht einmal als Unrecht wahrgenommen wird.

Quibdo in der Region Chocó erscheint von der boomenden Hauptstadt Bogotá aus gesehen wie der vergessene Teil des Landes. Die Region an der Westküste Kolumbiens zwischen Anden und Karibik ist geprägt von jahrelangem Bürgerkrieg. Wer sich von der Stadt Quibdo in den Regenwald vorwagt, muss sich bei den Truppen der Vereinten Nationen (UN) melden. Die Soldaten sollen Entführungen durch Rebellen verhindern und überwachen genau, wer sich auf den Straßen bewegt. Armut, Unterdrückung, Diskriminierung, Vertreibung und Gewalt in allen Formen bestimmen diese von der Minderheit der Afrokolumbianer bewohnte Region am Fluss Atrato. Mädchen und Frauen spüren das besonders und sind in großer Gefahr. Zahlen der UN zeigen, dass 52 Prozent der Flüchtlingsfrauen in der Region Chocó im Jahr 2008 Opfer von Gewalt geworden sind, 36 Prozent wurden zu sexuellen Handlungen gezwungen.

Einsatz gegen Gewalt
Das soll sich ändern – auch mit dem Engel von Chocó. Er soll den Bewohnern der Stadt vermitteln, dass Kinder sich aus Angst vor Gewalt einen Schutzraum wünschen – den Plan ihnen verschaffen will. Die Graffiti-Kunstwerke werden im Rahmen eines Anti-Gewalt-Projektes mit den Mädchen und Jungen erstellt. „Seht her: Diesen Schutz wünschen sich eure Kinder“, ist die Botschaft an die Eltern, die Lehrer, die Politiker, die ganze Gemeinde.

Es ermutigt die Kinder selbst, sich dagegen zu wehren und sich Hilfe zu suchen. Die Bewohner von Quibdo passieren täglich die Graffitis. An dem Engel von Chocó schlängelt sich eine enge Straße vorbei, die die Autofahrer zwingt davor zu stoppen. Ein anderer Schulhof wird überstrahlt von dem Graffi ti eines Ehepaares, das sich – umrahmt von einem Herz – liebevoll seinem Kind zuwendet. Andere Kinder haben sich einen Schildkrötenpanzer gewünscht oder die schützende Hand ihrer Mutter auf der Schulter.

Diese Zeichnungen sind nur der erste Schritt, um das Bewusstsein der Menschen für die Gewaltproblematik zu öffnen. Die Motive entstehen in Workshops mit den Kindern, das Aufsprühen ist ein Fest für die ganze Gemeinde – mit dem Ziel Gewalt, vor allem sexuelle Gewalt, zu beenden. Bereits 200 Familien, 100 Gemeindeführer und 70 Jungen haben erklärt, dass sie die Ursachen für die Menschenrechtsverletzungen erkannt und Strategien dagegen entwickelt haben.
 

Trainings zur Nothilfe
Doch nicht nur um Gewaltprävention geht es in den Graffiti. Sie sind auch ein wichtiger Teil von Plan-Projekten, die die Kinder und ihre Gemeinden vor Naturkatastrophen schützen. Weit im Regenwald, fast eine Stunde mit dem Boot von Quibdo entfernt am Flussufer, liegt der Ort San Isidro. Wer sich die Tour nicht leisten kann, dem bleibt nur ein langer Marsch durch die Wildnis bis zur nächsten Straße, um in die Stadt zu gelangen. Bei Erdbeben oder Überschwemmungen sind die Menschen auf sich allein gestellt. Zusammen mit der Europäischen Union schult Plan die Kinder deswegen in der Katastrophenvorsorge.

So kommt es, dass auch hier im Urwald ein Graffiti an der Schulwand prangt. Schutz suchen, sich bemerkbar machen und Radio hören – so verhalte ich mich bei einem Erdbeben, zeigt das Bild. Yvonne erklärt es eifrig. Sie gehört zu der Gruppe von Jugendlichen, die inzwischen weiß, was im Fall einer Katastrophe zu tun ist. Sie alle sind ausgestattet mit Erste-Hilfe-Taschen und hüten den Gemeinderaum, in dem das Notaggregat, die Schutzhelme und Verbandszeug für den Katastrophenfall aufbewahrt werden. Einen Ohnmächtigen untersuchen, ihn behandeln, auf eine Trage legen und Hilfe holen – das alles haben sie über Plan gelernt und an ihre Familien weitergegeben. Dabei ist auch das lokale Radioprogramm nützlich. Es verbreitet überlebenswichtiges Wissen an die umliegenden Gemeinden im Regenwald.
Als im Dezember die Überschwemmungen besonders gravierend waren, konnten die Jugendlichen so Menschen aus fünf Häusern retten. Neulich hat sich im Regenwald ein Arbeiter den Arm schwer verletzt. Dank ihrer Hilfe schaffte er es bis ins Krankenhaus, erzählen sie stolz.

Plan Kolumbien
Der Kolonialzeit und einem wirtschaftlichen Aufschwung folgte ab Mitte der 1980er Jahre eine Phase der Gewalt. Kolumbien zählt bis heute zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Bürgerkriegsähnliche Zustände, Entführungen und der Einfl uss der Drogenkartelle verhindern die Durchsetzung der Kinder- und Menschenrechte. Die Folgen sind zum Beispiel Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt oder Kinderarbeit. Rund zwei Millionen Menschen sind innerhalb des Landes vertrieben, fast die Hälfte davon sind Kinder unter 18 Jahren.

Plan ist seit 1962 in dem Anden-Staat aktiv. Aktuell profitieren fast 125.000 Familien von den Maßnahmen. Programme zur besseren medizinischen Versorgung und Ernährung sowie Bildungs- und Ausbildungsprojekte stehen im Mittelpunkt. Plan engagiert sich auch für intern Vertriebene und ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen.



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