Jedes Nachbeben zeigt einen emotionalen Niederschlag

von Antje Schröder

Plan-Katastrophenkoordinator Dr. Unni Krishnan war in Sendai als die Erde mit einer Stärke von 7,1 bebte. Er meint, dass die emotionale Belastung für die Menschen in Japan mit jedem Nachbeben erdrückender wird.

Das Beben fühlte sich an, als wenn ein riesiges Monster das Gebäude schütteln würde. Es war gegen halb zwölf in der Nacht und ich war gerade erst in mein Hotelzimmer zurückgekehrt. Ein anstrengender Schulungstag zur seelischen Ersten Hilfe und psychosozialen Betreuung mit Kinderärzten, Psychologen und jungen Artisten, die als freiwillige Helfer im Katastrophengebiet in Sendai im Einsatz sind, lag hinter mir.

Ich befand mich in der vierten Etage des Hotels, im Zentrum von Sendai, und wollte gerade meine Kollegen in London anrufen, als plötzlich das ganze Zimmer und die Möbel anfingen zu wackeln und zu wanken. Ein paar Gegenstände, die auf dem Tisch lagen, rutschten und flogen durch die Gegend. Schnell griff ich mir eine dicke Plastikmappe, hielt sie über meinem Kopf und suchte Schutz unter dem Tisch. Der Stuhl, auf dem ich zuvor gesessen hatte, sprang hin und her, bis er schließlich ganz umfiel. Ich hörte Schreie von Menschen aus Nachbarzimmern. Mir kam es vor als wenn das Beben eine halbe Ewigkeit andauerte. Später erfuhren wir, dass die Erde nur knapp eine Minute bebte.

Als die Erde aufhörte zu beben, stürzten wir alle aus unseren Zimmern hinunter und verbrachten eine lange, schlaflose Nacht draußen. Es war eine schreckliche Erfahrung. Nicht nur der Boden bebte, auch wir Menschen waren völlig durchgeschüttelt. Es war die längste Minute meines Lebens.

Das Nachbeben in Sendai hatte eine Stärke von 7,1 auf der Richterskala und war das schwerste Nachbeben seit dem verheerenden Erdbeben am 11. März. Damals riss ein nachfolgender Tsunami mehrere Tausend Menschen in den Tod und zerstörte weite Teile des Nordostens Japans. Das starke Nachbeben verschlimmerte die Situation der überlebenden Erdbeben- und Tsunamiopfer, vor allem die Verwundbarsten unter ihnen – die Kinder – litten sehr.

Einen Tag vor dem Nachbeben gab ich gemeinsam mit der angesehenen Psychotherapeutin Prof. Machiko Kamiyama eine Fortbildung, an der über 300 Kindergärtner und Grundschullehrer teilnahmen. Das Hauptproblem, dem sich die Lehrer im Katastrophengebiet stellen müssen, ist der richtige Umgang mit den verstörten und traumatisierten Kindern.

Das Plan-Team und ich sprachen mit zahlreichen Kindern und lernten viel über ihre Ängste und schlimmen Erlebnisse. Die Dreifachkatastrophe hat die Mädchen und Jungen stark verunsichert. Sie glauben, der Gefahr von allen Seiten ausgesetzt zu sein. Erst erschütterte sie das Beben der Erde, dann überraschte sie die schrecklich hohen Flutwellen des Meeres und nun bedroht sie die radioaktive Strahlung in Luft und Umwelt. All das macht den Kindern sehr zu schaffen. Ständig sorgen sie sich, ob weitere Katastrophen folgen könnten.

Seit dem Tsunami vor einem Monat bin ich in Japan. Die Belastbarkeit der Japaner beeindruckt mich. Wie Sie mit den Ereignissen umgehen und mit welcher Einstellung, Stärke und Fähigkeit sie das Disaster bewältigen, ist vorbildlich. Die Welt kann viel von ihnen lernen. Die mehr als hundert Nachbeben, wiederholten Tsunami-Warnungen und die Störfälle in den Atomreaktoren verschärfen allerdings die Situation. Das menschliche Gehirn arbeitet wie ein Ballon. Wenn man diesen mit immer mehr Luft bepumpt ohne Druck abzulassen, wird er irgendwann platzen. Die seelische Belastung nach dem Desaster in Japan nimmt mit jedem Nachbeben zu. Gerade Kinder stellt das vor große Probleme, weil sie nicht wissen was sie machen sollen.

Das ist genau der Grund, warum den Opfern nicht nur materiell geholfen werden sollte, sondern auch auf emotionaler Ebene. Plan widmet sich mit Priorität den psychosozialen Bedürfnissen der betroffenen Kinder. Wir arbeiten mit Lehrern, Eltern, Mädchen und Jungen in der Erdbebenregion zusammen und unterstützen sie mit emotionaler Erster Hilfe und psychologischer Betreuung.

Die schweren Nachbeben zeigen, wie wichtig die humanitäre Hilfe in Japan weiterhin ist. Die Dreifachkatastrophe hat lang andauernde Auswirkungen auf das Leben der Menschen und Ihre Zukunft. Nur mit einem ernsthaften, langfristigen Einsatz können sie bewältigt werden.



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