Japans starke Kinder – Dr. Unni Krishnan berichtet aus Tokyo

von Freddy Hansmann - Administratorin

Die Weltbank schätzt die Kosten für den Wiederaufbau Japans auf 232 Milliarden US-Dollar, mindestens fünf Jahre wird es dauern. Und das ist noch das bestmögliche Szenario. Was ich hier sehe, lässt mich glauben, dass der Wiederaufbau kein 100-Meter-Sprint wird. Eher ein Marathon.

Plan arbeitet mit lokalen Organisationen und Komitees daran, Lücken in der Nothilfe zu schließen, wir fokussieren uns dabei vor allem auf die Kinder. Wir haben Büros in 70 Ländern weltweit. Sollte irgendjemand ein Industrieland unterstützen? Ich denke, Leiden ist universal und Kinder brauchen all diese Fürsorge und Unterstützung in einer Krisensituation.

Es gibt hier etwas, das besondere Hochachtung verlangt. Es ist die Geschichte von der erstaunlichen und bewundernswerten Ausdauer, die das japanische Volk beweist. Jeder, den man hier trifft, kann dir einen Crashkurs in Sachen Bewältigung und Ausdauer geben. Man kann immer etwas Neues lernen von den Überlebenden, praktische Tipps zum Überleben und Einsichten ins Leben. Kein Abschluss oder Studium können da mithalten.

Hier gibt es unterschiedliche Sorgen und Bedenken. Zum Beispiel ist es nach Erdbeben empfehlenswert, in freiem Gelände und Zelten zu bleiben, denn Nachbeben können weitere Gebäude einstürzen lassen. Die Bedrohung von Radioaktivität rät dazu, in einem Gebäude zu bleiben. Zwei gegensätzliche Empfehlungen, welches ist das größere Risiko?

Ein guter Freund, der für die italienische Zeitung La Republica arbeitet, er ist ein Veteran im Journalismus aus Krisengebieten, rief mich aus Hiroshima an, wo er eine Geschichte über die Überlebenden von Hiroshima und ihre Gefühle bezüglich der drohenden atomaren Katastrophe recherchierte. Er gab mir den Rat: “Amigo, verschwinde aus Tokyo. Radioaktivität ist kein Kinderkram.” Es gibt 35 Millionen Menschen in der Metropole Tokyo. Wo würden sie hingehen?

Jugendliche zeigen den Weg

Letzten Samstag war ich mit meinem Team in einem Kindergarten, der in einer Konzerthalle vorübergehend untergebracht ist, die als Evakuierungszentrum umfunktioniert wurde. Ich traf auf eine Gruppe jugendlicher Schüler. Sie führen dort ein behelfsmäßiges Informationszentrum. Ich sah ein paar Post-its und Papiere. Sie erzählten mir, dass Menschen, vor allem Kinder, Fragen an eine Pinnwand stecken. Die jungen Freiwilligen kümmern sich um die Beantwortung dieser Fragen. Stolz sind sie darauf, dass ihre Bearbeitungszeit wirklich schnell ist. Die richtige Information zur richtigen Zeit ist ein Lebensretter. Informationen und Medien weisen auf lebenswichtige Hilfe hin, bilden und stärken die Überlebenden in ihren Rechten. Diese jungen Kinder zeigen den Weg. Ich wünschte, die globalen Medien könnten Tipps von ihnen bekommen.

Letzten Sonntag waren wir in Ishinomaki, einem Fischerhafen, rund 40 Kilometer von Sendai entfernt. Eine Schule war auch hier zu einem Notlager umfunktioniert worden und Menschen in drei verschiedenen Räumen untergebracht. In einer der Hallen waren über 100 Familien, viele mit Kindern. Einer der Verantwortlichen erzählte uns, dass die Kinder Angst hätten. Wir rieten ihm, eine Vorlese- und Spielgruppe für die Kinder einzurichten. Stifte und Papier helfen den Kindern oft schon, ihre Gefühle auszudrücken und in Worte zu fassen – beides ist wichtig in Krisensituationen.

Diese Woche war der Welttag des Gedichtes. Haiku (eine sehr kurze Variante von Gedichten) gehören quasi zur DNA der japanischen Gesellschaft. Hier ist ein Haiku für das momentane Japan. “Heute stellt ihr euch einem nicht enden wollenden Alptraum. Aber die Welt steht mit euch in dieser Zeit. Heute sind wir alle Japaner.”



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