Achterbahn auf dem Dach Afrikas
von Marc Tornow
Äthiopien überwältigt mit einer Jahrtausende alten Kultur und atemberaubenden Landschaften. Beide sind nicht immer leicht erreichbar, wie ein Besuch mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem “Dach Afrikas” beweist.
Es soll der größte Markt Afrikas sein: Der Mercato in Addis Abeba. Doch bis das knapp zwei Quadratkilometer große Areal im Westen der äthiopischen Hauptsstadt erreicht ist, bedarf es einer langwierigen Anfahrt. Eine Blechlawine schiebt sich regelmäßig über die breiten Boulevards. Und wer am Morgen oder abends unterwegs ist, sollte Zeit mitbringen.
Viele Berufspendler sind dann in völlig überfüllten Bussen unterwegs. Für knapp 2 Birr (etwa 10 Euro-Cent) kann man kilometerweit durch die 2.300 Meter über dem Meer gelegene Metropole fahren. Luxuriös sind die Passagen in den zahllosen Linien wahrlich nicht. Die Wagen sind meist überfüllt und die ohnehin engen Sitzplätze Mangelware.
Der “Anbessa City Bus Service” hat auf den massenhaften Ansturm reagiert. In den großen Fahrzeugen sitzen die Schaffner in einer kleinen Kabine – abgeschirmt von dem immensen Gedrängel. Wer mit will, muss vor dem Einsteigen durch das Fenster einen Fahrschein lösen – erst dann öffnen sich zischend die Türen und der Versuch beginnt, einzusteigen …
Schneller, weil kleiner und wendiger, sind die vielen zerbeulten Minibusse. Sie sind wie die Taxis blau-weiß lackiert. Junge Männer, fast noch Kinder, schreien aus ihren geöffneten Fenstern die Fahrziele. Mit ihren eindringlichen Stimmen erinnern diese sogenannten Weyalas an die lautstarken Händler vom geschäftigen Mercato.
Spannend werden die Fahrten außerhalb der Städte. In ländlichen Gebieten – etwa rund um Gondar mit seinen mittelalterlichen Burgen – gibt es nur wenige Busse. Sie fungieren als universelle Transportmittel; für Menschen und Güter. Oft sind Trauben von Gepäck auf den Dächern verschnürt. Und bis diese Fracht auf- oder abgeladen ist, kann es dauern. Entsprechend lange sind die Fahrzeiten, zumal die Wagen in jedem Dorf halten.
Die Reise von Addis Abeba zum Beispiel nach Lalibela dauert einen Tag – sie führt einer Achterbahnfahrt gleich durch Canyons und über Bergrücken. Auf der rund 350 Kilometer weiten Strecke ins zentrale Hochland sind täglich auch Flüge unterwegs. Den Luxus einer Flugreise können sich aber nur wenige leisten. Für 70 Euro ist das “Dach Afrikas” in rund 50 Minuten erreicht. Der Bus kostet etwa 3 Euro.
Gegen Lalibela ist Harar eine pulsierende Handelsstadt. Neben Obst und Gemüse von den Feldern bringen windige Händler hier im Osten Äthiopiens auch Kleidung, Geschirr oder elektrische Geräte aus Fernost. Angeliefert werden die “Kostbarkeiten” auf den Dachgepäckträgern verbeulter Peugeot 404. Eine Tour mit einem dieser blau-weißen Taxis Baujahr 1963 ist ein Erlebnis: Türen schließen nicht, der Anlasser versagt beständig und die Kilometeranzeige ist irgendwo jenseits der 300.000 angehalten.
Kinder schreien unaufhörlich “Faranjo, Faranjo! – Ausländer, Ausländer!”, der Wüstenwind wirbelt Plastiktüten und Staub auf. Es ist Zeit für einen frisch gebrühten äthiopischen Café, Sodawasser und ein schmackhaftes Baguette. Französischer Einfluss, Dschibutis Nähe sei Dank.
Die letzten Artikel von Marc Tornow:
- Grenzläufe im Überschwemmungsgebiet - 26.11.2011
- Dhaka ist kein Kinderspiel - 03.09.2011
- Der Vogelmarkt am Wasserschloss - 08.02.2010
- Kathmandu, die ramponierte Schönheit - 24.06.2009
- Kleines Wirtschaftswunder in Makwanpur - 24.03.2009













