Werden die haitianischen Jugendlichen wieder ausgeschlossen?
von Linda Raftree
Ich bin diese Woche in Nicaragua bei dem regionalen Treffen der Jugendleiter/ innen aus den zwölf lateinamerikanischen Ländern, in denen Plan arbeitet. Naja, eigentlich sind nur elf Länder repräsentiert, weil die fünfköpfige Delegation aus Haiti bei Ankunft sofort ausgewiesen wurde (zwei Erwachsene und drei Jugendliche). Soweit ich es verstanden habe, fehlte ihnen ein Einreisedokument, das ihnen das Konsulat der Dominikanischen Republik hätte ausstellen müssen – was sie zum Leidwesen der haitianischen Jugendlichen nicht tat.
Für mich war es, als würde man noch eins draufsetzen wollen. Aber wahrscheinlich ist es heutzutage nicht mehr möglich, nachsichtig zu sein. Nach drei Tagen endloser Bemühungen, schafften es die Kolleginnen und Kollegen des Plan Büros in Nicaragua nicht, doch noch die Teilnahme der haitianischen Jugendlichen an dem Treffen zu ermöglichen.
Der nationale Wiederaufbauplan
Ich bin rundheraus enttäuscht, dass das Team aus Haiti nicht hier sein kann, weil wir die Möglichkeit gehabt hätten von den Jugendlichen und meinen haitianischen Kollegen aus erster Hand zu hören, welche Erfahrungen sie in den letzten Monaten gemacht haben und in welcher Art sie an der Bedarfsanalyse für den nationalen Wiederaufbauplan (PDNA) beteiligt waren. Die Jugendlichen des lateinamerikanischen Jugend-Medien-Netzwerks “Voces“ (“Stimmen“) sind deswegen auch sehr genervt. Ein Aspekt ihrer Strategie für die nächsten Jahre ist, eng mit den Jugendlichen aus Haiti zusammen zu arbeiten, damit ihre Stimmen bei den Vorbereitungen zum Wiederaufbau in Haiti gehört werden – aber auch, damit die im Wiederaufbauplan vereinbarten Zusagen auch wirklich eingehalten werden.
Rund die Hälfte der haitianischen Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt. Dennoch war die Beteiligung von jungen Menschen bei der Bedarfsanalyse für den Wiederaufbauplan zunächst nicht vorgesehen. Der nationale Wiederaufbauplan ist sehr wichtig, weil er den Rahmen für die Aufbaumaßnahmen und ihre Finanzierung setzt. Damit ihre Stimmen in diesen Prozess einfließen können, hat Plan mit der Unterstützung von UNICEF 54 Gruppen von Kindern und Jugendlichen (insgesamt 1.000 Kids) im ganzen Land (Westen, Norden, Südosten, Artibonite, Nippes, Süden, Nordwesten, Grand Anse und Central Plateau) befragt, um etwas über ihre momentane Situation und ihre Pläne und Ideen für die Zukunft herauszufinden. Themen wie Gender, Behinderungen, Zugang zu sozialen und Gesundheitsdiensten, Katastrophenvorsoge, Teilnahme an Entscheidungen und Kontrollmechanismen für den Wiederaufbauplan gehörten auch zu den abgefragten Kriterien. Die Befragung der Jugendlichen brachte viel Arbeit für Plan, war aber nicht unmöglich. Plan arbeitet schon lange in Haiti und hat dort ein starkes lokales Netzwerk aufgebaut.
Jugendbeteiligung bei der Geberkonferenz
Die Bemühungen für die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen am Wiederaufbau enden aber nicht bei der Bedarfsanalyse. Plan und UNICEF sind gerade dabei sicherzustellen, dass ihr Input Teil der bevorstehenden Geberkonferenz am 31. März in New York sein wird. Dort wird von Repräsentanten der haitianischen Regierung, der Weltbank und internationalen Organisationen über die Zukunft von Haiti entschieden. Meine Kollegin im amerikanischen Plan Büro setzt alles daran, dass zwei Jugendliche an diesem Treffen teilnehmen können.
Ich finde interessant, dass viele der bei der Befragung angesprochenen Themen auch in New York auf der Agenda stehen: Bildung, Hausbau, Telekommunikation, Transport, Energie, Stärkung der Effektivität der Regierung, und Wiederbelebung der Wirtschaft. Wenn ihr mich fragt, ist es unerlässlich für die Entscheidungsträger, sich die Meinung der Kinder anzuhören. Der Punkt, der von den Kindern und Jugendlichen am häufigsten angesprochen wurde, war die Bildung und dass sie so bald wie möglich wieder in die Schule gehen können.
Hier in Nicaragua, haben die 40 Jugendlichen des “Voces“ Netzwerks die Situation in Haiti von Anfang an genau verfolgt und bieten laufend ihre Solidarität und Unterstützung aus der Ferne an. Die Gruppe besteht aus jungen Medienveteranen aus den Jugendmediennetzwerken oder Mediengruppen ihrer Heimatländer. Sie haben seit Jahren auf lokaler, nationaler und globaler Ebene Anwaltschaftsarbeit geleistet. Einige sind schon seit zehn Jahren dabei. Sie schreiben Blogs, moderieren Fernseh- und Radiosendungen, sind Herausgeber/innen von Newslettern, produzieren Videos oder Musik und sind insgesamt sehr engagierte Stimmen ihrer Generation.
Ich bin begeistert von ihrer Idee, sich dafür einzusetzen, dass sich haitianische Jugendliche mit an den Tisch setzten und von Entscheidungsträgern zum Wiederaufbau in Haiti gehört werden können. Dafür wollen sie ihre direkten Kontakte zu den Regierungen und Ministerien ihrer Heimatländer und die Medien-Plattformen nutzen, um die Meinungen und Wünsche der Haitianischen Mädchen und Jungen quasi “durch die Hintertür“ einzubringen. Sie wollen die Positionen ihrer Regierungen durch gezielte Lobbyarbeit beeinflussen, damit sie die Meinungen und Stimmen der haitianischen Jugendlichen einbeziehen, wenn Sie mit der Regierung von Haiti kommunizieren.
In Haiti arbeitet Plan daran, die ehemaligen Jugend-Mediengruppen wieder zu beleben. Zwei dieser Jugendlichen (Caroline und Fritz) nehmen gerade aktiv an der Bedarfsanalyse (PDNA) teil.
Große Hoffnungen
Das Wissen und die Motivation der Jugendlichen bei diesem regionalen Treffen sind sehr inspirierend. Ich kann mir vorstellen, wie enttäuscht die beiden Kids in Haiti sein müssen, nach all den Vorbereitungen, die sie für dieses Meeting getroffen haben. Und dieses Meeting ist nichts gegen die große Geberkonferenz am 31. März. Wie müssen sich diese beiden Jugendlichen erst fühlen, wenn ihre Einreise verweigert wird! Warum ist ihre Stimme in diesem Zusammenhang weniger wert als andere? Ich bin lange genug auf der Welt, um die Antwort auf diese Frage zu wissen. Dennoch regt es mich immer wieder auf.
Ich hoffe sehr, dass die beiden haitianischen Jugendlichen die Chance bekommen, sich an der Geberkonferenz zu beteiligen und in die USA einreisen dürfen. Ich hoffe sehr, dass die Stimmen der haitianischen Jugendlichen nicht schon wieder ausgeschlossen werden.
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