Erholung von der Welt
von Heidi ReedAls ich vor zwei Wochen in Haiti ankam, wurde mir gesagt, dass die Straße von Port-au-Prince nach Jacmel zu einer der Gefährlichsten gehört. Sobald es zu regnen anfängt, machen Schlammlawinen die Straße unpassierbar.
Plan Haiti hat ein Büro in Jacmel, einer Hafenstadt im Südwesten des Landes. Vor dem Erdbeben war sie bekannt für ihre pittoresken kolonialistische Architektur und lebendige Kunst-Szene. Ich hatte den Film von Plan gesehen, wo Tausende von Zelten über den Seeweg aus der Dominikanischen Republik gerade mal ein paar Tage nach dem Erdbeben an Land gebracht wurden. Die Stadt war stark beschädigt und die Menschen von allen Versorgungswegen aus Port-au-Prince abgeschnitten.
Am Freitag erfuhr ich, dass Marc-Antoine Lefedor, Leiter der EDV Abteilung von Plan Haiti, am nächsten Tag nach Jacmel reisen würde, um nach seinem Team zu sehen. Ich fragte, ob ich mitreisen kann, denn ich wusste, es würde die letzte Möglichkeit sein, vor meiner Abreise dorthin zu fahren. Ich wollte sehen was genau mit den Zelten passiert war.
Samstag war ein klarer blauer Tag und ich verschwendete keinen einzigen Gedanken an den Regen. Obwohl die Straße, die zum Berg führte, an einigen Stellen Risse und Verwerfungen hatte, fühlte ich mich sicher. Die Straße war lang und gewunden, aber gut asphaltiert. Wir kamen durch den Ort Leogane, dem Epizentrum des Erdbebens. Dort kauften so viele Menschen Obst, Gemüse und Kleinigkeiten am Straßenrand, dass wir hupen mussten, damit wir durchkamen. Es war Markttag.
Oben auf dem Berg schaute ich nach einer Weile zurück und sah, wie sich die grüne Ebene bis zum Meer erstreckte. Währenddessen gingen die Menschen am Straßenrand ihren Geschäften nach. Viele gingen einfach spazieren. Es gab viele Obststände mit Mandarinen, Limetten, Mangos und Grapefruit. Das Obst lag in großen Körben, die auf dem Boden standen. Ich kam an vielen Kindern vorbei, die sehr gelangweilt aussahen – da sie nicht zur Schule gehen konnten.
Nach ungefähr drei Stunden Fahrt zusammen mit den farbenfrohen Tap-Taps und schnellen Motorrädern, die mindesten zwei Personen beförderten, kamen wir an. Ich sah, dass es in Jacmel, genauso wie in Port-au-Prince und Croix-des-Bouquets, keine riesengroßen Zeltstädte gab. Die rot- und beigefarbenen Zelte, die Plan geliefert hatte, standen etwas verblichen und in langen ordentlichen Reihen in den Parks und auf den Straßen und Platzen der Stadt.
Marc-Antoine hatte den Besuch einer Kinderfreundlichen Zone in Jacmel organisiert. Sie lag an einer von Zelten gesäumten Straße. Eine große Gruppe von Mädchen und Jungen in allen Altersstufen kamen dort zusammen um mich zu begrüßen. Ich konnte sie fotografieren und vielleicht mit ihnen über das Leben nach dem Erdbeben sprechen. Die erste Frage, die sie mir stellten war: “Wie heißt du?“ Und da mein Name Heidi so ähnlich klingt, wie Haiti, erntete ich ein erstes Kichern.
Ich hatte keine Gelegenheit, die Frage zu stellen, wie es ist, in einem Zelt zu leben mit den Eltern, die sich ständig Sorgen um den Regen machten und wie sie über die Runden kommen sollten. Stattdessen machte ich ein paar Fotos und drehte dann meine Kamera um. Sie dabei zu beobachten, wie sie sich selbst auf dem Display sahen, brachte uns alle zum Lachen. In diesem Moment – bevor der Regen am Abend in Strömen fiel und die Straße nach Port-au-Prince kaum passierbar war – erholten wir uns von der Welt in der Kinderfreundlichen Zone.
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