Der Vogelmarkt am Wasserschloss
von Marc Tornow
Die Stadt Yogyakarta auf der indonesischen Insel Java gilt als “Pforte“ zu vielen kulturellen Schätzen der Region. Im Zentrum der alten Hauptstadt aber hat sich die Tradition des Vogelhandels bewahrt – mit dem auch Kinder ihr Einkommen sichern.
Graue Regenwolken liegen über der Region um den Vulkan Merapi, als ich durch den alten Sultanspalast im Zentrum von Yogyakarta wandele. Im sogenannten Keraton reihen sich repräsentative Empfangshallen. Hier konsultierte hoher Besuch den Sultan samt Herrscherfamilie und in hölzernen Pavillons wurde Tee gereicht. Unterhaltung trällerte der Gesellschaft von Vögeln in bunten Käfigen entgegen; die Tiere sorgten ehedem für eine paradiesische Atmosphäre im Palast.
Weniger feudal dürfte es schon zu seiner Gründungszeit in den Gassen drum herum zugegangen sein. Entlang von Wassergräben siedelten sich diverse Gilden und Händler an. Gut sortierte Kleider- und Lebensmittelläden wechseln hier ab mit Garküchen. Bis eine Art Markthalle voller feingliedriger Volieren erreicht ist. In das Gebälk der Halle und unter Fenstersimse sind weitere Käfige gehängt worden – in allen Formen und Größen. Aus Tausenden Kehlen singen und zwitschern die Vögel. Die gefiederten Tiere stehen auf dem Vogelmarkt von Yogyakarta zum Verkauf.
Mittendrin wandeln Jungen und einige Mädchen in Flip-Flops. Sie schleppen kleine Käfige samt den Vögeln darin. Es sind Kinder aus den armen Familien der Stadt, die sich mit ihrem Fang ins das Revier professioneller Händler begeben. Damit machen sich die Kinder nicht gerade beliebt. Ihr Geschäft besteht darin, interessierte Kunden auf dem Weg zum Vogelmarkt abzupassen und ihnen die eigenen Tiere anzubieten. Neben dem Ärger mit eingesessenen Ladenbesitzern handeln sich die Knirpse einen bescheidenen Verdienst ein. Was dem Sultan damals lieb, soll der Kundschaft heute nicht teuer sein.
“You want to buy my bird? Two Dollars only! – Du kaufst meinen Vogel? Nur zwei Dollar!“ ruft einer der Jungen den wenigen Touristen zu, die sich das Spektakel um den Vogelmarkt vom Dach des Taman Sari aus ansehen. Von den Resten der sogenannten Wasserburg aus ist der Überblick über das System aus Läden und Gassen rund um den Keraton besonders eindrucksvoll. Ein Indonesier mustert kritisch die Käfige der Kinder. Die aufgeregt flatternden Vögel darin interessieren ihn kaum. Aber ihre Behausung.
Die Begegnung findet ein gutes Ende: Der Kunde bekommt einen leeren Käfig, der Junge fünf Dollar und sein Fang entschwindet stürmisch in die Freiheit – aus grauen Regenwolken rund um den Merapi.
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