Monatsarchiv für Februar 2010

 
 

Hochzeitsglocken in Haiti

von Heidi Reed

Am Freitag erhielt ich in Croix-des-Bouquets einen unerwarteten Anruf. Ich sollte unbedingt am späten Nachmittag in Port-au-Prince sein. Guerdy, die Personalleiterin von Plan Haiti, hatte vor zu heiraten und ich sollte helfen Fotos zu machen. Eine Kollegin von Plan Kanada, ein weiterer Kollege vom Plan-Büro und ich machten uns auf den Weg.

Nach einer langen verkehrsreichen Fahrt erreichten wir die Kirche. Ich konnte kaum glauben, dass wir am richtigen Ort waren. Neben der Kirche lag der allergrößte Trümmerhaufen, den ich jemals gesehen habe – ungefähr zehn Meter hoch. Und oben drauf lagen ineinander verheddert, ein paar verbogene Stühle. Die Stühle waren klein, gerade mal groß genug für Kinder. Erst jetzt realisierte ich, dass hier die Schule der Kirche zusammengefallen war. Der Geruch von Tod lag in der Luft – ein Geruch, wie man mir sagte, den man unmöglich vergisst.


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Haiti: Hoffnung für die Zukunft

von Heidi Reed

Das erste Mal traf ich Myriam Valme Joseph von Plan Haiti vor zwei nordischen Sommern, als sie für eine kurze Zeit im Büro von Plan USA arbeitete. Ich hatte Gelegenheit, sie zu interviewen und mehr über die beachtlichen Herausforderungen zu erfahren, vor denen die Kinder in Haiti stehen. Als wir uns verabschiedeten, ging ich davon aus, dass ich sie nicht wiedersehen würde.

Nachdem ich von dem Erdbeben erfahren hatte, galt mein erster Gedanke Myriam. Während ich in meinem Wohnzimmer saß und die Nachrichten im Fernsehen und die Neuigkeiten bei Facebook und Twitter auf meinem Laptop verfolgte, fragte ich mich, was sie und ihre Familie gerade durchmachen.

Ich wusste, dass Myriam eine starke haitianische Frau war, die ihren Uni-Abschluss in Europa absolvierte und nach Hause zurück gekehrt war, um das Land, das sie liebte zu unterstützen. So war ich gar nicht erstaunt, als in einem Film von Plan sah, wie sie Lebensmittel und Hilfsgüter verteilte und erzählte, wie sie nach dem Erdbeben nach Hause geeilt war, um dort ihren Mann vorzufinden, der seine Familie aus den Trümmern befreite, auch ihre junge Tochter.

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Heidi in Haiti: Der erste Tag

von Heidi Reed

Heidi Reed aus der Programmabteilung von Plan USA löst Steve Theobald in Haiti ab. Sie wird eine Woche lang die Kollegen von Plan Haiti bei der Pressearbeit unterstützen.

Die Busreise von der Dominikanischen Republik nach Haiti entwickelte sich zu einer langen aber faszinierenden achtstündigen Fahrt. Der klimatisierte Bus war voller heimkehrender Haitianer, die seit dem Erdbeben keine Chance hatten, ihre Familien zu besuchen.

Eine Mischung aus Angst und Aufregung überkam mich wegen der unbekannten Erfahrungen, die mich in Haiti erwarteten. Ich vertrieb die Zeit mit einem Gespräch mit einer Haitianisch-Amerikanischen Familie aus Brooklyn, New York. Sie erzählten mir, wie die Schwester mit ihrem Baby auf der Dachterrasse war, als das Erdbeben passierte. Und wie sie beide das dreistöckige Gebäude hinunter rollten, ohne einen Kratzer abzubekommen.

Sobald wir Haiti erreichten, änderte sich die Landschaft dramatisch. Direkt hinter der Grenze bedeckte hoch gewirbelter Kalk aus den naheliegenden Minen die Blätter der Bäume. Es sah wie eine verschneite Winterlandschaft aus.

Heute, an meinem ersten Tag in Haiti, besuchte ich zusammen mit einem auf Kinderschutz spezialisierten Kollegen eine Zeltstadt in Croix-des-Bouquets. Dort richtet Plan zusammen mit den Partnergemeinden, die dort untergebracht sind, eine kinderfreundliche Zone ein. Am Eingang zum Camp wurde ich herzlich begrüßt. Wir sprachen Französisch und das bisschen Kreol, das ich unterwegs aufschnappte. Ich fragte, ob sie mir das Camp zeigen könnten und sie willigten gerne ein. Die Zelte standen dicht beieinander, aber es gab eine breite “Hauptstraße“ und kleine, sich schlängelnde “Nebenstraßen.” Es war kein richtiges Camp und auch keine Stadt, eher ein Dorf.

Einige Zelte hatten Verzierungen, wie zum Beispiel ein kleines Stück Stoff mit der Aufschrift “Happy Holidays.” Eine selbst gehäkelte Decke war zu einer attraktiven Seitenwand geworden. Eine Frau kann überall ein Zuhause einrichten, dachte ich bei mir. Und trotzdem verdient jede Frau ein Heim, das sie und ihre Familie schützt. Dies ist für Haiti eine dringende Notwendigkeit.

Kurz bevor ich gehen muss, kommt ein kleiner Junge vorbei. In der Hand ein perfekt geometrischer Drachen, den er aus Stöcken und Band hergestellt hat. Inmitten dieser provisorischen Zeltstadt hatte er etwas gebastelt, das wunderschön war und fliegen konnte.

Haiti: Feste Unterkünfte und Schulbildung

von Steve Theobald

Ich treffe eine Frau in einer kleinen Zeltsiedlung (rund 20 Zelte) in Port-au-Prince. Sie lebt dort mit ihrer Familie, inklusive einem zwei Monate alten Baby. Eine Gruppe von Jugendlichen hatte eine winzige Solarzelle gerettet. Ihr langer Draht führt zu etwas, das früher einmal eine Motorradbatterie gewesen sein muss. Die Garantie ist definitiv vor langer Zeit abgelaufen. Ein anderer Draht führt zu einem CD-Spieler. Der Saft reicht nicht aus, um eine CD zu drehen, aber das Radio funktioniert.

Ich frage die Jugendlichen, was sie gerne im Radio hören würden. Die Antwort ist immer gleich: Sie wollen wissen, wann endlich der Wiederaufbau beginnt. Sie wollen wieder in die Schule gehen.

Der erste Regen

Wenn man in Port-au-Prince die richtige Straße zur richtigen Zeit entlang fährt, könnte man fast vergessen, dass es hier ein großes Erdbeben gab.  Blumen blühen, die Häuser stehen schmuck am Straßenrand und die Menschen gehen ihren alltäglichen Geschäften nach. Es ist eine Illusion. Eine, die ein kürzlich niedergehender Regenguss fort gewaschen hat. Jedoch sind die vielen wunderschönen Blüten, die über die hohen – teilweise brökelnden Mauern – ranken echt, aber auch in gewisser Weise surreal. Die Häuser stehen leer.

Jede Katastrophe hat ihren Preis

Straßenmärkte füllen sich mit Händlern, die Obst, Gemüse, Schampoo und Schuhe verkaufen. Der lokale Baumarkt hat seine Lager gefüllt. Das Problem ist, dass die Preise seit dem Erdbeben in schwindelerregende Höhen geschossen sind. Die Arbeitslosigkeit ist enorm, darum ist das Geschäft nicht gerade lebhaft.


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Der Vogelmarkt am Wasserschloss

von Marc Tornow

Die Stadt Yogyakarta auf der indonesischen Insel Java gilt als “Pforte“ zu vielen kulturellen Schätzen der Region. Im Zentrum der alten Hauptstadt aber hat sich die Tradition des Vogelhandels bewahrt – mit dem auch Kinder ihr Einkommen sichern.

Graue Regenwolken liegen über der Region um den Vulkan Merapi, als ich durch den alten Sultanspalast im Zentrum von Yogyakarta wandele. Im sogenannten Keraton reihen sich repräsentative Empfangshallen. Hier konsultierte hoher Besuch den Sultan samt Herrscherfamilie und in hölzernen Pavillons wurde Tee gereicht. Unterhaltung trällerte der Gesellschaft von Vögeln in bunten Käfigen entgegen; die Tiere sorgten ehedem für eine paradiesische Atmosphäre im Palast.

Weniger feudal dürfte es schon zu seiner Gründungszeit in den Gassen drum herum zugegangen sein. Entlang von Wassergräben siedelten sich diverse Gilden und Händler an. Gut sortierte Kleider- und Lebensmittelläden wechseln hier ab mit Garküchen. Bis eine Art Markthalle voller feingliedriger Volieren erreicht ist. In das Gebälk der Halle und unter Fenstersimse sind weitere Käfige gehängt worden – in allen Formen und Größen. Aus Tausenden Kehlen singen und zwitschern die Vögel. Die gefiederten Tiere stehen auf dem Vogelmarkt von Yogyakarta zum Verkauf.


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Haiti: Wie mit den Schmerzen umgehen?

von Steve Theobald

Die wiedereröffneten Apotheken in Haiti können keine Wunderpillen für die Menschen bereitstellen. Nach drei Wochen hat der Schmerz über den Verlust von Angehörigen, Häusern, der ganzen Stadt, wenn überhaupt, nur ein klein wenig nachgelassen.

Meine Freunde und Kollegen können inzwischen etwas länger darüber reden, bevor  Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ihnen die Tränen in die Augen treiben. Hier geht es eindeutig um mehr als Trauer. Ich habe in der vergangenen Woche nur eine einzelne Beerdigung gesehen. Die Sicherung der öffentlichen Gesundheit erforderte Massenbestattungen.

Kummer ist definitiv kein Freund von Geselligkeit. Die Menschen brauchen dringend Ablenkung, damit sie in den kleinen Zeitfenstern ihre Wunden heilen können. Die Fernsehstationen sind wieder auf Sendung, aber die meisten Menschen haben noch immer keinen Strom, um auf den “überlebenden“ Fernsehern ihre Lieblingsprogramme zu schauen. Die meisten Generatoren sind zerstört und der Wille, diese zu reparieren ist gering, da Benzin immer noch unbezahlbar ist.


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