Der letzte Beitrag aus Haiti

von Stuart Coles

29. Januar: Die wahre Arbeit beginnt jetzt erst, aber dennoch verlassen die Medien das Land in Scharen. Andere übernehmen das Feld. Bei uns ist es nicht viel anders: Zwei Kollegen kommen, um uns abzulösen.

Es muss noch sehr viel getan werden. Ich erzähle Jo-Ann, die die Programme von Plan Haiti leitet, dass ihre  Kolleginnen und Kollegen sich dringend ausruhen müssen. Sie lacht und sagt, dass es nicht geht, sie wollen nicht. Der enorme Ansporn meiner Haitianischen Kollegen beeindruckt mich.

Die Strategie von Plan, mit jugendlichen freiwilligen Helfern und Vertretern der Gemeinden zu arbeiten, trägt Früchte. Wir testen sie in Croix-des-Bouquets.

Bekannte Gesichter und freundliche Gespräche entspannen die Situation. Vor dem Gelände helfen sogar die mit Maschinengewehren bewaffneten jordanischen UN-Soldaten. Wir verteilen einige Hundert Hilfspakete ohne Zwischenfälle. In den nächsten Tagen wird diese Methode ausgedehnt.

Schutz der Gefährdeten
Kinderhandel und Kinderschutz stehen ganz oben auf unserer Agenda. Die Kollegen begutachten die Camps und markieren die besonders gefährdeten.

Wir warten vor einer Siedlung. Um uns sammelt sich eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen. Keiner von ihnen spricht Englisch oder Französisch, nur Kreol.

Am Ende gebe ich den Kindern spontan Englischunterricht. Bis Zehn zählen, die Farben, Tiere, “my name is …“ usw. Endlich kann ich meine Erfahrungen in der Arbeit mit japanischen Kleinkindern einbringen.
Wir fahren weiter, lächelnde Mütter winken uns nach. Kosten – Null, winzige Wirkung – möglich. Der Präsident sagt, dass die Schulen in vierzehn Tagen wieder öffnen werden. Die Leute erzählen mir, dass zwei Monate realistischer sind. Ich muss zugeben, dass ein  Schulunterricht in diesen armen Gemeinden nützlicher ist, als wenn ich Geschichten an wankelmütige Journalisten liefere.

Erinnerungen
Und los geht’s…. Mir gehen die vielen Erinnerungen wie Schnappschüsse durch den Kopf: Die direkten Folgen. Nahestehende Kollegen, die bei der Arbeit mit den Tränen kämpfen und scheitern. Ein junger Mann, der in einem armseligen Camp seine Schuhe poliert. Lachende Kinder, die im Spiel vorübergehend ihren Schmerz vergessen. Die dürre Madeline, die im Auto bei Shona und mir auf dem Schoß einschläft und leise schnarcht. Die Leichen von zwei jungen Männern eines Abends auf der Straße. Sie waren Überlebende des Erdbebens, die fünf Tage später bei einem Motorradunfall ums Leben kamen. Die darauf folgende Stille in unserem Fahrzeug. Der Waise Johnny, der mit seiner Schwester unter einem Baum schlafen muss.

Ich weine nicht auf haitianischem Boden. Das wäre eine Beleidigung. Wir schwören mehrfach, dass wir bald wiederkommen, in der Hoffnung auf bessere Zeiten.



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