Die Hoffnung erreicht Jacmel
von Stuart Coles
20. Januar: Stromausfälle und andere Hindernisse führten zu einem Rückstau in der Kommunikation, also liefere ich hier eine Sammelmeldung.
Die Todesrate ist in Jacmel nicht so hoch wie in Port-au-Prince aber der Schmerz über die Verluste ist kaum anders. Unsere zehnstündige Berg-und-Tal-Fahrt bringt uns in eine Küstenstadt, die früher als wunderschön und malerisch galt. Sonnengebleichte Gebäude im Kolonialstil und einer Gischichte voller Kaffeehandel.
Der Tag bricht an und wir sehen was verschwunden ist oder noch gefährlich in die Straße baumelt.
Hier sind rund 400 Menschen gestorben, in der gesamten Region sind es mehrere Tausend. Ungefährt 50 Prozent der Menschen haben keine gesicherte Unterkunft mehr. In der Abenddämmerung versammeln sich die Menschen, um en masse auf der Straße zu schlafen. Steine werden um provisorische Betten geschichtet, in dem Versuch, sich vor herannahenden Fahrzeugen zu schützen.
Boote liefern Hoffnung
Die Hoffnung erreicht die Stadt in Form von zwei Booten der Küstenwache. Sie sind beladen mit 4.000 Zelten, Trinkwasser in Flaschen und 300 Überlebens-Paketen mit Hilfsgütern, Lebensmitteln und Werkzeug, die unsere Kollegen aus der Dominikanischen Republik herschickten.
Der Hafen brummt auf einmal vor Aktivität, als die Leute herströmen und helfen. Schon bald haben wir schwerbeladene Jeeps und LKW, die von UN- Wachmannschaften eskortiert in die Stadt fahren. Endlich geschieht etwas.
Am nächsten Tag besuchen wir die Essensausgabe. Der Reis mit Bohnen mag nicht Sternequalität haben, aber er füllt die kleinen hungrigen Bäuche. Eine der Gemeindesprecherinnen ist eine emsige kugelrunde Frau, Marie-Ange. Ich sehe später, am Abend, wie sie sich auf dem Gehweg schlafen legt. Sie winkt.
Ich jongliere mit ein paar sechs-jährigen Jungen einen Ball und amüsiere sie mit meinem schlechten Französisch. Dann übernehmen die Profis das Feld.
Die Trauma-Arbeit bringt sie zum Lachen
Die Trauma-Arbeit mit Kindern ist eine der Spezialitäten von Plan. Ich war zuerst skeptisch, ob das überhaupt möglich ist, angesichts der schrecklichen Ereignisse. Es gibt doch eher dringlichere Bedürfnisse, die behandelt werden müssen. Eine Stunde später bin ich der Meinung, dieses ist die allerbeste Medizin, die ich jemals erlebt habe.
Die Kinder teilen sich in zwei Gruppen auf und bilden Kreise. Sie werden durch Übungen und Spiele geführt. Allmählich schleicht sich ein Lächeln in die ernsten Gesichter. Daraus wird ein Grinsen und schließlich Gelächter. Am Ende stehen sie im Zentrum wachsender Neugierde. Immer mehr Kinder kommen hinzu, als der Geräuschpegel ansteigt. Die Session endet damit, dass die Workshopleiter die Kinder auffordern herum zu springen und alles heraus zu schreien.
Starke Spiele
Die scheinbar simplen Spiele und Übungen haben eine sehr schlaue Funktion. Sie erlauben es den Eltern einmal durchzuatmen, die Kinder können ihre Energien entladen und die Moderatoren können beobachten. Diejenigen Kinder, die als distanziert, aufgewühlt oder aggressiv auffallen, werden an die weiterführende Trauma-Behandlung vermittelt.
Die unsichtbaren Narben des Schocks der Kindern sind überall. Wir verbringen die Nacht mit rund 30 Kollegen/-innen und Helfern in einem Hotelanbau, wo wir essen, arbeiten und schlafen (wie es auch die Ratten tun). Ein Kleinkind wacht jede Nacht weinend auf und ruft nach seiner Mutter.
An einem Morgen geht sein schweigsamer Bruder zum Fernseher, in dem stumme CNN-Berichte über Haiti laufen. Er nimmt die Fernbedienung, schaltet auf ein anderes Programm und geht wieder, ohne sich umzuschauen. Ich bin auch nicht Larry Kings allergrößter Fan, aber ich gehe davon aus, dass seine Reaktion tiefere Gründe hatte.
Meine Kollegin ging, um Nachtaufnahmen zu machen. Sie sah Marie-Ange winken – aus ihrem neuen Zelt.
Am nächsten Tag verlassen wir ein deutlich ruhigeres Jacmel und kehren zurück in den Schmelztiegel Port-au-Prince. Ich bezweifele, ob es so einfach sein wird, dort so schnell Fortschritte zu erzielen.
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