Berichte aus Haiti

von Stuart Coles

Stuart Coles, britischer  Plan-Mitarbeiter hat sich direkt nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti auf den Weg gemacht, um von dort aus die Medienarbeit zu koordinieren. Er schreibt einen Blog für die internationale Webseite von Plan. Bei Weltgeschichten können Sie die Übersetzung seiner Berichte lesen. Wir fangen mit einer Zusammenfassung der letzten drei Tage an:

15. Januar 2010:
Unser Air France Flug ist vollgepackt mit Hilfsteams aus aller Welt – Ärzte, technisches Personal, Feuerwehrleute, PR Spezialisten – aus Frankreich, Deutschland, England und auch aus erdbebenerfahrenen Ländern wie Mexiko, Italien und der Türkei. Alle sind entschlossen, Port-au-Prince zu erreichen und zu helfen.

Während des Fluges unterhalte ich mich mit einem deutschen Chirurgen. Er ist wütend wegen der “Katastrophe, das dort auf uns wartet“. Er bezieht sich auf die Bauvorschriften von Port-au-Prince und das Kartenhaus, das auf seine Einwohner herabprasselte. Der Händel-Liebhaber und Schachfanatiker strahlt genau die Ruhe aus, die in diesen Situationen notwendig ist. Aber er (wie auch alle anderen) weiß nicht wie und wann er das Erdbebengebiet erreichen wird.

Abgesagte Flüge, zerstörte UN-Gebäude und Infrastrukturen sind ein massives Hindernis, durch das die lebenswichtige Ader der Hilfe gelangen muss. Die Frustration kann angesichts dieser Schwierigkeiten auf allen Seiten sehr schnell anwachsen.

Wir sprechen über Kinder – ich erkläre ihm die Ausrichtung von Plan: möglichst viele Kinder zu erreichen und zu schützen. Er nickt verständnisvoll. Wir wissen beide, dass die Lage ernst ist.

Wir warten zwischen italienischen Hundestaffeln, die an ihren Leinen zerren und endlich loslegen wollen. Unsere Kollegen von Plan in der Dominikanischen Republik und aus der Region Lateinamerika – Katastrophenschutz-Experten, PR-Leute und Experten für Trinkwasser und sanitäre Versorgung schließen sich dem wachsenden Konvoi an der Grenze an.

In der Zwischenzeit arbeiten unsere Kollegen in Haiti Tag und Nacht, um den Betroffenen zu helfen. Sie schieben ihre eigenen Traumata, Verluste, Ängste und Schmerzen beiseite, um so professionell wie möglich arbeiten zu können.


16. Januar 2010: Eine Fahrt durch die Hölle

Unser Konvoi mit ersten Hilfsgütern erreicht die Grenze. Das Leben in der Dominikanischen Republik erscheint surreal normal. Kinder gehen zur Schule, Bauern sind auf den Feldern, wir treffen sogar Radler im Lycra-Dress. Aber einige Stunden Fahrt entfernt in den Staubwolken der Grenzkontrollen werden die Auswirkungen des Erdbebens offensichtlicher. Je näher wir Port-au-Prince kommen, desto schlimmer wird die Zerstörung.

Der Weg zum Treffpunkt mit den Kollegen von Plan Haiti ist eine Fahrt durch die Hölle. Eine Kollegin und ich konzentrieren uns auf das Filmen, als wir an Leichen und Särgen vorbeifahren und an Gebäuden, die von Räumfahrzeugen abgetragen werden.

Unsere Besprechung findet auf dem Parkplatz statt. Mitarbeiter erzählen von ihren Erfahrungen und was sie bisher getan haben – Lebensmittel, Zeltplanen und Hygiene-Sets ausgeteilt – während sie ihre persönlichen Traumata und Verluste verarbeiten mussten.

Wir wissen, dass die psychologischen Auswirkungen auf die Kinder groß und versteckt sein werden – aber es steht den erwachsenen Kollegen ins Gesicht geschrieben. Unser nächstes Ziel lautet, den Menschen in Jacmel zu helfen. Einer Küstenstadt mit ca. 150.000 Einwohnern wo ca. 65 Prozent der Häuser zerstört wurden – abseits vom Medienrummel. Amerikanische Militärhubschrauber betäuben laufend unser Not-Meeting. Aber alle wissen, dass die Präsenz des Militärs notwendig ist, wenn die Geschäfte und Banken alle geschlossen sind.

17. Januar 2010:
Die Frustration steigt an, als alle versuchen die schlimmen Umstände zu verändern. Aber alles scheint gegen uns zu sein. Die Reisezeiten haben sich verdreifacht, die Kommunikation ist immer noch kaum möglich, Nahrung wird dringend benötigt. Die Kollegen bestätigen Berichte von Auseinandersetzungen bewaffneter Gangs. Wir fahren an einer bislang unzerstörten Bank vorbei, jetzt hat sie eingeschlagene Scheiben. Menschenschlangen warten geduldig auf ihre Ration Benzin – ein weiteres Hindernis.

Wir treffen Mitarbeiter von lokalen Organisationen, um zu klären, wie wir am Besten mit ihnen zusammenarbeiten können. Unsere Einkaufsliste wird länger: Mobile Toiletten, Wasser, Planen und anderes. Manchmal können wir nur das Allernötigste tun – Erste Hilfe leisten, beraten oder was wir im Jeep mitführen austeilen, zum Beispiel unsere Gesichtsmasken. Ich greife mir einige Packungen Wasserflaschen und reiche sie einem Medizinstudenten, der bei einer Notklinik des Roten Kreuzes aushilft. Seine Dankbarkeit macht mich betroffen.

Eine Frau in Croix de Bouquet hat ihren Mann und zwei Kinder verloren. Sie starben im zusammenbrechenden Haus. Wir fragen, ob ihre dreijährige Tochter verstanden hat, was passiert ist. “Sie versteht zu gut“ sagt sie grimmig.

Eine Randbemerkung enthüllt ein großes Kinderschutz-Problem. Rund 40 verletzte Kinder wurden zur Behandlung über die Grenze gebracht, ohne ihre Eltern. Wir werden darüber Nachforschungen anstellen. Kinderhändler könnten diese Zeiten ausnutzen.

In einem Notcamp am Rande von Port-au-Prince versammeln sich obdachlose Familien mit Plan Mitarbeitern unter einer Persenning. Sie erfahren wie sie Krankheitssymptome bei ihren Kindern erkennen können. „Wie viele von euch haben Albträume?“ fragt Unni. Viele kleine Hände werden gehoben. “Das ist normal“ sagt er ihnen – und schafft es sie zum Lachen zu bringen.

Wir erhalten neue Nachrichten: Jacmel, eine Küstenstadt südlich von Port-au-Prince ist auch schwer betroffen. Unsere Kollegen sind dort, aber die Stadt hat keine Nahrung und ihr gehen die Medikamente aus. Unser Boot mit Hilfsgütern ist unterwegs aus der Dominikanischen Republik. Wir werden uns dorthin auf den Weg machen.



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2 Kommentare zu “Berichte aus Haiti”

  1. Mara Bossert
    18. Januar 2010 um 20:48

    Was für eine unglaubliche Katastrophe – man steht fassungslos da und kann gar nicht glauben, dass man tatsächlich diese Bilder sieht und diese Berichte hört, sieht oder liest.

    Wie gut dass es Menschen gibt, die in das Land gehen und dort aktive Hilfe leisten. Großen Respekt für die einheimischen Plan Mitarbeiter, die trotz eigener Verluste und Traumata ihr möglichstes tun.

    Uns bleibt hier nur die Möglichkeit spenden für die Menschen in Haiti zu sammeln und selber zu spenden.

    Tun auch wir unser Möglichstes !

  2. Henriette Kolandt-Schönebeck
    19. Januar 2010 um 19:29

    Mit Hilfe unserer Stiftung sind wir auch daran, Spenden für Haiti zu sammeln. Heute haben wir einen Artikel in der örtlichen Tageszeitung veröffentlicht, wir hoffen, dass ihn viele Menschen gelesen haben und bereit sind, zu spenden.
    Jeder kann etwas tun, das heißt aktiv werden, um Spenden einzutreiben.Ein Bekannter von uns hat eine physiotherapeutische Praxis, er wird am Samstag die Kunden gegen Spende für unsere Stiftung massieren. Der gesamte Erlös fließt dann nach Haiti.
    Ich weiß, was die Plan-Mitarbeiter leisten, habe das bei meiner Stifterreise nach Nepal im Oktober 08 persönlich erlebt,
    aber auch die Mitarbeiter in Hamburg halten uns stets auf dem Laufenden. Meinen Dank an euch alle, gemeinsam könenn wir viel bewegen!

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