Mädchensein in Cumbana

von Linda Raftree

Manchmal ist Mädchensein kein Honiglecken. Wir hatten gehofft, dass 50 Prozent der Teilnehmer an unserem Kunst- und Medienprojekt in Cumbana Mädchen sind. Am Ende waren es 15 Mädchen und 40 Jungen. Die Jungen sprachen dieses Problem am dritten Tag des Workshops an (ohne, dass die Moderatoren darauf hingewiesen haben): “Warum sind hier nicht mehr Mädchen? Und die Mädchen, die hier sind, sagen gar nichts. Sie sitzen nur da.“ Oder: “Sie haben keinen Ergeiz, sich zu verbessern, also kommen sie nicht mal zu Workshops wie diesem, auch wenn sie könnten.“

Die meisten Mädchen hörten sich diese Kritik an, ohne zu antworten. “Mädchen, was habt ihr dazu zu sagen?“ fragte einer der Moderatoren. Schweigen. “Seht ihr, selbst jetzt sitzen sie nur da und verteidigen sich nicht“ beschwerten sich die Jungen. Wieder Schweigen. Schließlich sagte ein Mädchen: “Ihr wisst nicht, wie es ist. Wir dürfen eigentlich nicht herkommen. Es ist sehr schwierig für uns. Unsere Eltern haben kein Vertrauen zu uns. Sie glauben, wir kommen nur hierher, um zu spielen. Sie wollen, dass wir Zuhause bleiben und arbeiten, wenn wir nicht in der Schule sind.“ “Aber ihr habt doch denselben Brief von der Schule bekommen! Warum lernt ihr nicht, mit euren Eltern zu verhandeln, wie wir?“ fragen die Jungen. Wieder Schweigen.

Die Diskussion drehte sich dann um effektive Verhandlungsmethoden und wie man seine Eltern dazu bewegen kann, Jungen und Mädchen an Workshops, wie diesem, teilnehmen zu lassen. “Unsere Eltern und Großeltern sind keine ignoranten Esel, sie stammen einfach aus einer anderen Zeit. Sie hatten nie die Möglichkeit, an Projekten und Workshops teilzunehmen, geschweige denn zur Schule zu gehen. Sie verstehen nicht, warum wir es wichtig finden. Wir müssen lernen, die richtigen Worte zu finden. Wir müssen ihnen helfen, zu verstehen, was wir tun. Nur so erlauben sie uns, bei diesen Maßnahmen mitzumachen.“

Ein Mädchen zu sein, erschwert nicht nur ihre Teilnahme an diesem Workshop. In den vergangenen drei Wochen wurden mir die Herausforderungen bewusst, denen Mädchen in diesem Dorf ausgesetzt sind, wenn sie zur Schule gehen wollen. Hier gilt es ungewollten Annäherungsversuchen – auch von Lehrern – aus dem Weg zu gehen und frühe Schwangerschaften zu vermeiden. Meistens besteht keine Möglichkeit für sie, diese Themen offen mit anderen Mädchen und Jungen oder Erwachsenen zu besprechen. Die beiden Kampagnen von Plan “Lernen ohne Angst“ und “Weil ich ein Mädchen bin …“ sind in diesem Zusammenhang extrem wichtig für die Mädchen.

La Conquista
In der heißesten Debatte der vergangenen zwei Wochen ging es nicht etwa um Themen wie Armut oder Wassermangel oder etwas, das als typisch entwicklungspolitisch angesehen wird. Es ging um “La Conquista“ (die Eroberung) bzw. darum wie ein Junge bei einem Mädchen landen kann. Es war schön zu erleben, wie die Mädchen im Laufe des Workshops offener über ihre Probleme sprachen.

“Wir versuchen, mit den Mädchen zu reden, aber sie antworten nicht. Sie ignorieren uns einfach! Das macht uns wütend”, sagte einer der Jungen. Ein Mädchen konterte: ”Wir kriegen Angst, wenn jemand uns anmacht. Wenn wir nicht einverstanden sind, könnte der Junge oder Mann wütend und aggressiv werden, er könnte uns vergewaltigen.“ “Manchmal, wenn Mädchen erst mit einem Jungen reden und dann auch noch mit einem anderen Jungen, tun wir uns zusammen, um ihr zu zeigen, dass sie uns nicht auf den Arm nehmen kann, dass sie so nicht mit uns umgehen kann“ sagte ein Junge. “Das stimmt“ sagte ein Mädchen. “Wir haben Angst, weil sie wütend werden, wenn wir nicht mit ihnen sprechen.“ “Dann solltet ihr einfach mit uns sprechen!“ unterbrach ein Junge. “Wie, soll ich mich jedem Mann im Dorf hingeben, nur weil er mich will?“ rief eines der Mädchen. Dieses Forum war sehr wichtig für die Mädchen und Jungen, weil sie hier einen neutralen Ort hatten, an dem sie einander zuhören, die jeweiligen Standpunkte kennenlernen und einander verstehen konnten. Hier war viel Raum, um ein Bewusstsein für das Problem der geschlechtsspezifischen Gewalt zu entwickeln. Ich hörte sogar, wie ein Mädchen aus der Nachbargemeinde sagte: “Wenn es nur ein Mann ist, ist es gar nicht wirklich Vergewaltigung … dann müssen es schon drei oder vier sein.“

Ich freute mich sehr, als die Theatergruppe sich entschlossen hatte, ein Stück über die Situation der Mädchen zu entwickeln. Und war erstaunt über diese Wahl, weil nur vier Mädchen in der Theratergruppe und die drei Moderatoren männlich waren.



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