Slow Way Down: Ruanda

von May Evers

Florian Rolke ist immer noch unterwegs, quer durch Afrika, mit seine Simson Schwalbe. 6.500 Kilometer Fluglinie sind es von Hamburg bis Kigali (Ruanda). Florian hat sicherlich einige mehr hinter sich gebracht. Hier ein Auszug aus seinem Bericht über Ruanda:

…Die Straße ist voller Fußgänger und Fahrradfahrer. So viele Menschen habe ich zuletzt in Äthiopien auf der Fahrbahn gesehen. Überall werde ich von lächelnden und freundlich winkenden Menschen begrüßt. Und bergauf fordern mich radfahrende Jugendliche zum Rennen auf. Auf der Kurzdistanz werde ich dabei meist gnadenlos versägt. Auf langen Anstiegen beweist die Schwalbe aber den längeren Atem. Nur die Radfahrer, die sich an vorbeifahrende LKW hängen, ziehen lachend an mir vorbei.

Die Straße via Ruhengeri nach Kigali ist vorbildlich ausgeschildert. Die Hauptstadt ereiche ich am frühen Nachmittag in drückender, schwüler Hitze. Wie sollte es anders sein: Auch Kigali erstreckt sich über mehrere Hügel. Schleichend drehe ich eine Runde durch die Innenstadt. Kigali ist eine moderne Stadt und kaum mit den anderen Metropolen in Ostafrika zu vergleichen. Die Stadt wirkt gepflegt, die Bushaltestellen sind mit Wartehäuschen ausgestattet, es gibt Fußwege, Fußgängerampeln und die Autofahrer halten vor den  Zebrastreifen. Überall wird an Straßen und Gebäuden gewerkelt. Die Stadt befindet sich im Aufbruch – vielleicht sogar schon ein Stück darüber hinaus.

Ein platter Hinterreifen beendet meine Sightseeingtour per Zweirad. Ich pumpe schnell den Reifen auf und begebe mich auf schnellstem Wege zu einem günstigen Guesthouse. Obwohl, so richtig günstig scheint hier gar nichts zu sein. Die Preise halten mit der Entwicklung der Stadt mit. Bereits am Abend beginne ich mit der großen Inspektion. Kigali ist von der Strecke her so ungefähr die Hälfte meiner Reise. Hier will ich mich ausgiebig um das Moped kümmern.

Im Laufe der nächsten Tage flicke ich zwei Schläuche, tausche die Vorder- und Hinterradfelgen gegeneinander aus und ziehe einen neuen Reifen auf. Da ich aber mit der Ersatzteillieferung von AKF nach Mombasa eine weitere Kolben-Zylinder-Kombi bekommen habe, habe ich nun insgesamt drei Kombinationen und will eine mit der Post ein Stück voraus schicken um Gewicht zu sparen. … Das Päckchen bringt zwei Kilo auf die Waage. Nicht viel, aber immerhin. Die Dame auf dem Postamt findet es ein wenig merkwürdig, dass ich ein Paket an mich selber schicken will und von “Poste Restante” hat sie bisher noch nichts gehört. Kniffelig wird es dann aber, als sie mir die Briefmarken für das Päckchen aushändigt. Nur mit Mühe bringe ich alle Postwertzeichen auf dem kleinen Päckchen unter. Ich hätte mit die Verpackung sparen, und das Paket komplett in Briefmarken einwickeln können. Ein winziges Feld für die Adresse bleibt frei, ein Absender passt nicht mehr drauf. Das entspricht zwar nicht den Regularien der ruandischen Post, die Dame hat aber längst kapituliert und nimmt kopfschüttelnd die Sendung entgegen. Ob es wohl ankommt? Ich habe da so meine Zweifel. In einigen Wochen weiß ich mehr.

Am folgenden Tag besuche ich das Genocide-Memorial. Die Gedenkstätte für den Völkermord an den Tutsis und vielen unangepassten Hutus befindet sich nur wenige Kilometer vom Stadt-Zentrum entfernt. Die gleichsam bedrückende, wie beeindruckende Ausstellung zeigt den Prozess der “Entfremdung” der einstmals über jahrhunderte friedlich zusammenlebenden Volksgruppen. Mit lang angelegter Propaganda und systematischer Volksverhetzung ist die Hutu-Bevölkerung gegen die Tutsis aufgebracht worden, bis es 1994 schließlich zum Völkermord kam. Ein Muster, das man in den Büchern zur Weltgeschichte dutzende Male wiederfindet. Im zentralen Bereich der Ausstellung findet sich das Zitat von Apollon Katahizi, der fragt: “when they said ‘never again’ after the holocaust, was it meant for some people and not for others?”

Das Land scheint offensiv mit seiner Vergangenheit umzugehen. Neben mehreren Gedenkstätten erinnern überall im Land Tafeln an die Ereignisse im April 1994 und mahnen: ein Ruanda, ein Volk. Wenn man in Ruanda gefragt wird, welche Nationalität man hat, bekommt man im Laufe des Gespräches auch immer zu hören: “And I am Rwandan.”

Mit dem voll beladenen Moped mache ich mich auf dem Weg aus der Stadt. Das Lenkerpendeln ist verschwunden und die Schwalbe rollt wie auf Schienen. Jetzt kann ich endlich wieder auf dem Bock essen & trinken, Fotos schießen und in der Nase bohren. Nachdem ich mich einmal kräftig verfahre, finde ich schließlich den richtigen Weg in Richtung der tansanischen Grenze. Das Land ist auch nach Süd-Westen hin bergig, aber die Straßen sind längst nicht so steil, wie im Norden. Kurz bevor die Sonne hinter den Bergen im Westen verschwindet, ereiche ich den Grenzort an den Rusumo Wasserfällen. Ich checke in die einzige Herberge im Ort ein und gönne mir eine Dusche aus einem Wassereimer. Zum Abendessen gibt es einen gigantischen Teller mit scheinbar allen Resten, die die Küche hergibt. Spaghetti zusammen mit Kochbananen, Süsskartoffeln, Reis, Bohnen und einigen Sachen, die ich nicht so recht identifizieren kann. Und oben drauf thront ein halber Hahn. Lecker, aber eine teilweise recht merkwürdige Kombination.

Bereits früh am Morgen stehe ich vor dem Zollhäuschen und fülle das Ausreiseformular aus. Über eine Brücke, die direkt über die Rusumo Falls führt, rolle ich ins Niemandsland zwischen den zwei Ländern. Fährt man hier nun auf der rechten Straßenseite, wie in Ruanda oder auf der Linken, wie in Tansania? Mir kommt niemand entgegen und vor dem tansanischen Immigrations-Office parken die Autos und LKW wild durcheinander. Für Tansania brauche ich mal wieder ein Visum. Wie in Kenia kostet es auch hier wieder 50 US-Dollar – in greenback only. Die Bearbeitung dauert nicht sehr lange und auch das Moped ist schnell abgefertigt. Tansania beginnt, wie Ruanda aufgehört hat. Hügelig.



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