Kleines Wirtschaftswunder in Makwanpur
von Marc Tornow
Mikrokredite bewähren sich als effektive Instrumente zur nachhaltigen Entwicklung benachteiligter Regionen. Das weiß man seit Yunus in der Theorie aber wie sieht die Realität zum Beispiel in Nepal aus? Ich muss zugeben, ich war sehr beeindruckt von den nepalesischen Frauen-Kooperativen, die an Bildungsprojekte gebunden sind. So können ländliche Gebiete in dem Himalaja-Staat wirtschaftlich tatsächlich auf die Beine kommen.
Ich lernte in Makwanpur zum Beispiel Laxmi (43) und Binu (25) kennen. Vor dem Morgengrauen richten sie das Frühstück. Etwas Reis, Dal und Tee – eine typische Mahlzeit für Nepal. Ist die Familie versorgt, klemmen sie sich Bündel mit Schulbüchern unter den Arm und machen sich im Halbdunkel auf den Weg. Zu Fuß geht es bis zu eineinhalb Stunden in die Mahendra-Schule in dem Dorf Basamadi. Die Strecke führt über schmale Feldwege. Sie sind staubig in der Trockenzeit und werden zu Schlammwüsten bei Regen. Die Beschwerlichkeiten sind den Frauen alle Mühen wert. Denn in der Schule nehmen sie an Kursen zur Erwachsenenbildung teil, die Plan 2007 im Distrikt Makwanpur gestartet hat. Viele Frauen lernen hier erstmals lesen und schreiben. Wie stolz sie das macht, zeigen ihre strahlenden, vom harten Leben gezeichneten Gesichter.
Es sind Hausfrauen wie Laxmi oder Binu, die auf kleinen Holzbänken Platz nehmen. Hier werden sonst Mädchen und Jungen aus der Umgebung unterrichtet. Und wie die Kleinen lernen auch ihre Mütter oder Großmütter aus den Büchern nepalesischer Grundschulen. Fünfmal in der Woche vergleichen die Frauen so die Ergebnisse ihrer Hausaufgaben, testen erworbene Kenntnisse und arbeiten gemeinsam an einem Abschlusszertifikat. Dieses verspricht Hilfe für die ganze Familie. Denn spätestens dann sind sie in der Lage, unabhängig von ihren Männern Behördengänge zu erledigen, Formulare auszufüllen, ihren Kindern oder Enkeln bei den Schularbeiten zu helfen – und ein zweites, eigenes Einkommen zu erwirtschaften. So helfen die Hausfrauenkurse bei der Entwicklung benachteiligter Regionen – wie eben südlich der Hauptstadt Kathmandu. Der nachgeholte Schulbesuch bringt den Teilnehmerinnen die Hoffnung auf eine selbst bestimmte Zukunft.
Diese beginnt zum Beispiel in den Büroräumen der benachbarten Mahila Milan Frauen-Kooperative. Oft bedarf es nur geringer Mittel, um den Menschen wirkungsvoll unter die Arme zu greifen. Hilfe zur Selbsthilfe lautet das Motto zu wirtschaftlichem Erfolg – und damit einer Verbesserung der Lebensbedingungen. Seit wie in Makwanpur die Kreditvergabe an Bildungsprojekte koppelt ist, verbessert sich die Nachhaltigkeit dieser Maßnahme. „Mikrofinanz plus heißt das System“, sagt mir der Projektleiter Dr. Chandra Kumar Sen, und erklärt: „Frauen schultern die meisten Aufgaben, im Haushalt wie auf dem Feld. In Nepal sind sie aber oft benachteiligt. Sie haben selten eine Schule besucht und fast nie ein Mitspracherecht. Mit einer Grundschulbildung einerseits sowie Fortbildungen etwa zur Buchhaltung und dem Vertragswesen andererseits sind sie fit für ein eigenverantwortliches Wirtschaften.“
Mittlerweile lenken Frauen in 27 Kooperativen des Distrikts die Geschicke rund um das Mikrokreditwesen. Und dieser Erfolg ist greifbar: Allein in der Mahila Milan Kooperative, was soviel bedeutet wie „Frauen Treff Kooperative“, beträgt das Eigenkapital knapp 11,6 Millionen Rupien (etwa 116.000 Euro). Über 1.500 Mitglieder vertrauen ihre Ersparnisse der Kooperative an. Für verliehenes Geld kassieren sie zwischen vier und zehn Prozent Zinsen. Wer einen Kredit aufnimmt, muss mit 16 Prozent rechnen. „Das klingt viel, hat sich aber bewährt,“ weiß Phul Maya Moktan, die die Mahila Milan Kooperative leitet. Die drahtige Frau verweist auf die aktuelle Buchführung. Und tatsächlich wurden bisher alle vergebenen Kredite zurückgezahlt.
Lernen für den Business-Plan
Ohne Weiteres kommen jedoch auch Laxmi, Binu und die anderen 258 Frauen der Mahendra-Schule nicht an einen Kredit der Kooperative heran. Erst muss die Geschäftsidee der Kooperative in einem Business-Plan vorgestellt werden. Doch einen Business-Plan erstellen kann nur, wer zuvor die Schule besucht hat. Hausfrauenbildung und Mikrokreditvergabe ergänzen sich also sinnvoll. Daraus entwickelt sich so etwas wie ein kleines Wirtschaftswunder. Dieses kann ich wenige Hundert Meter die Dorfstraße hinunter besichtigen. Hier haben die findigen Gläubigerinnen ihre von Kleinkrediten finanzierten Geschäfte aufgebaut. Zwischen Reissäcken, bunten Paketen mit Nudeln und Tee steht etwa Madhu Maya. Die 48-jährige Ladeninhaberin führt ein Lebensmittelgeschäft. Dabei ist sie so erfolgreich, dass sie zwei Kindern ein Studium in der Stadt finanzieren kann. Selbst ihr Mann profitiert von der Unternehmung. Er musste nicht wie viele Nachbarn ins Ausland zum Geldverdienen gehen, sondern hilft nun beim allmählichen Ausbau des Ladens. Auch die Schneiderei gegenüber mit einer Auswahl leuchtender Stoffe sowie das Foto- und Fotokopierstudio am Eingang des Dorfes starteten mit einem Kleinkredit der Mahila Milan-Kooperative. Berücksichtigt wurden auch zwei Bäuerinnen mit einem bescheidenen Stück Land. Sie bekamen einen Kredit über 25.000 Rupien und finanzierten sich so einen Wasserbüffel für die Feldarbeit. Vom größeren Ertrag zahlen sie ihre Schulden zurück und wollen ihrerseits Ersparnisse bei der Kooperative anlegen. Ihr Erfolg ermuntert wiederum andere zum morgendlichen Besuch der Hausfrauenkurse an der Mahendra-Schule.
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1. Juli 2009 um 11:30
…So, jetzt bin ich heute, nach meinem erschütterten Kommentar von gestern zum Kathmandu-Bericht, bei dieser erfreulichen Schilderung der erfolgreichen Arbeit Plans in Nepal gelandet.
Auch dafür noch ein herzliches Dankeschön! Ich freue mich immer besonders,wenn ich so detaillierte und anschauliche Eindrücke aus Nepal oder Indien entdecke, da ich diesen Ländern sehr verbunden bin.
Dazu kommt die wirklich genaue Schilderung des ausgeklügelten ‘Mikrofinanz Plus Systems’, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Überrascht hat mich allerdings die Höhe der Zinsen – ich hatte bisher immer gedacht, dass diese Kredite mit besonders niedrigem Zinssatz vergeben werden, um die Frauen zu ermutigen, das Risiko überhaupt einzugehen…
Da drängt sich mir die Frage auf: Inwiefern hat sich das bewährt?
Danke jedenfalls auch für diesen Bericht!