Zwei Familien und ihre Kühe
von Claire Grauer
Vor einiger Zeit hatte ich etwas ausführlicher darüber berichtet, wie ich mir die Auswahl und die Verteilung von Milchkühen durch Plan Ruanda angesehen habe. Heute folgt der dritte und letzte Bericht über den Besuch bei zwei Familien, die beispielhaft für die vielen Menschen stehen, welche in den letzten Monaten eine Kuh in Empfang nehmen konnten.
Wie während der letzten beiden Besuche im Projektgebiet, ist das Plan-Auto bei der Abfahrt in Kigali auch an diesem Morgen bis auf den letzten Platz besetzt, da so gut wie täglich Kolleginnen und Kollegen zwischen Plan und dem Büro im Programmgebiet Gatsibo pendeln müssen. Heute sind noch drei weitere Passagiere dabei: der Distriktveterinär des Gatsibo-Distriktes, ein Besamungstechniker der staatlichen ruandischen Tierzuchtbehörde sowie ein Journalist, der eine Dokumentation über das Projekt erstellt.
Während ich mit Gilbert und Geneviève von Plan Ruanda die Familien besuchen werde, begleitet vom Journalisten und von Plans Monitoring-Beauftragten, findet gleichzeitig die künstliche Besamung der Kühe statt, die während der ersten Projektphase Mitte 2008 verteilt wurden. Die Tiere sind zuvor mit Hormonen behandelt worden, damit der Zeitpunkt der Besamung bei allen gleich sein kann. Zum verabredeten Zeitpunkt bringen die Tierhalter ihre Kühe an einen bestimmten Ort, wo dann die Besamung stattfindet – übrigens eine Prozedur, die auch in Europa üblich ist, sollte dies in den Ohren der ein oder anderen Leserin bzw. des Lesers merkwürdig klingen. Für die Besamung ihrer Kuh zahlt jede Familie einen kleinen Eigenbeitrag.
Die erste Familie
Nachdem wir also das “Besamungs-Team” abgesetzt und ihnen noch eine Weile zugesehen haben, ruft Geneviève zum Aufbruch. Die Familien erwarten uns schon. Nach kurzer Autofahrt erreichen wir die erste Familie. Es ist Familie M., ein Ehepaar um die Dreißig mit drei kleinen Kindern, zwei Mädchen und einem Jungen. Herr M. heißt uns herzlich willkommen und wir betreten das, wie überall in Ruanda, peinlichst sauber gefegte Gehöft, genauestens beobachtet von einer wachsenden Schar Nachbarskinder. Dann zeigt uns der Familienvater stolz den geräumigen Verschlag, den er für die Milchkuh gebaut hat. Dies ist eine der Voraussetzungen, die alle Empfängerfamilien vor dem Erhalt einer Milchkuh erfüllen müssen, denn die ruandische Regierung hat verfügt, dass Nutztiere nicht im Freien grasen dürfen, sondern ausschließlich in Ställen gehalten werden müssen.
Einmal am Tag schneidet Herr M. ein großes Bündel Gras für die Kuh. Außerdem sorgt er für ausreichend Wasser, reinigt den Unterstand und kümmert sich um das kleine Feuer, das an einer Seite des Stalles glimmt. Auf Nachfrage erläutert Herr M., dass der Rauch des Feuers Fliegen abwehrt. Und tatsächlich, während unseres Gespräches bewegt sich die Kuh plötzlich von einer in die andere Ecke ihres Zuhauses und hält ihren Kopf in den Rauch. Übrigens haben die Kühe keinen Namen, wie manche Leserin oder mancher Leser vielleicht vermuten mag. Obwohl die Tiere fast eine Art Familienmitglied, zumindest jedoch ein richtiges “Haustier”, darstellen, ist dieser Brauch den Menschen in Ruanda nicht bekannt.
Nachdem wir uns eine Weile mit Herrn M. unterhalten haben, ruft uns sein Nachbar einen Gruß über die niedrige Hecke zu, die zwischen den beiden Gehöften verläuft. Der Nachbar zeigt sich auch begeistert von Plans Projekt. Er selbst habe zwar keine Kuh erhalten, doch gebe ihm Herr M. oft vom Kuhmist ab, mit dem er sein Feld düngen könne. Dies ist ein schönes Beispiel dafür, dass von einer solchen Maßnahme weit mehr Menschen als nur die direkt Begünstigten, also die Empfängerfamilien der Milchkühe, profitieren.
Die zweite Familie
Nach einer guten halben Stunde bedanken wir uns bei den M.s für Ihre Geduld und fahren weiter zur nächsten Familie. Auf den Schotterpisten sind wir etwa eine halbe Stunde unterwegs bis zur Nachbargemeinde, wo uns Herr N. und Frau M. erwarten – ein Ehepaar, die mit ihren drei eigenen kleinen Kindern und einem 14jährigen Waisenmädchen zusammen wohnen. Auch hier werden wir sofort in den Innenhof geführt, wo uns Herr N. erläutert, wie er die Kuh täglich versorgt. Er ist stolz darauf, dass er durch den Kuhmist, mit dem er nun seine Felder seit einigen Monaten düngt, die Erträge bereits steigern konnte. Auch der Urin der Kuh findet Verwendung: Mit ihm werden Krankheiten der Kochbananenstauden, die rings um das Gehöft der Familie stehen, erfolgreich bekämpft.
Das Wichtigste für beide Familien ist jedoch die Milch der Kühe, die sie geben werden sobald sie das erste Mal gekalbt haben. Etwa zehn Liter täglich erhält dann eine Familie. Davon werden zwischen einem und drei Liter für den Eigenbedarf verwendet, der Rest wird verkauft. Beide Elternpaare betonten mehrmals, wie froh sie sind, dass sie ihre Kinder zukünftig ausgewogener ernähren können.
Auch die zusätzlichen Einnahmen, die durch den Verkauf der überschüssigen Milch erzielt werden, sind von großer Bedeutung für die Familien. Wie viele Menschen in ländlichen Regionen Ruandas verfügen sie über nur wenige Einkommensquellen. Arztrechnungen und Medikamente, Schuluniformen und –materialien aber auch Dinge des täglichen Bedarfs wie Zucker, Tee, Waschmittel, Seife oder Kleidung, kosten jedoch Geld.
Nach einiger Zeit verabschieden wir uns auch von der zweiten Familie, was nicht ohne Kindertränen abläuft. Die zweijährigen Zwillingsmädchen kennen und lieben Geneviève, meine Kollegin von Plan Ruanda, und möchten gerne, dass sie noch bleibt und mit ihnen spielt. Dies zeigt, wie eng der Kontakt zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Plan und den Menschen aus den Gemeinden der Programmgebiete ist. Überhaupt war dies ein weiterer gelungener Tag für mich, denn es gehört zu den interessantesten und bereicherndsten Momenten in unserem Beruf, Projekte einmal vor Ort kennen zu lernen. Besonders wichtig ist der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aber genau so mit allen anderen Menschen, die von den Projekten profitieren oder in der ein oder anderen Weise damit zu tun haben.
Für mich hieß es nun, nach drei Tagen Projektbesuch Abschied nehmen von den Kolleginnen und Kollegen in Gatsibo. Die darauf folgenden Tage verbrachte ich in anderen Teilen Ruandas, wo es unglaublich viel zu entdecken gibt und ich kann nur jedem Reisenden empfehlen, zumindest einen Abstecher in dieses schöne Land einzuplanen.
Mittlerweile bin ich schon seit über zwei Monaten wieder in Deutschland. Doch wer immer mich auf Ruanda anspricht, wird mir meine Begeisterung für die interessanten Menschen und das schöne Land nach wie vor anmerken. In Ostafrika wird man als Durchreisende sehr oft gefragt: “Wann kommst du wieder?” und in Ruanda konnte ich immer aus vollstem Herzen sagen: “In hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft!”
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