Das harte Schicksal der Talibé Kinder im Senegal
von Alice Behrendt
Armut gibt es ueberall. Sie hat viele Gesichter. Im Senegal begegnet sie mir jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. In Form vieler Haende, die sich mir hinstrecken, in der Hoffnung, dass ich etwas Geld, ein paar Zuckerwuerfel oder irgendetwas anderes zu essen gebe. Die Kinder, die zu den Haenden gehoeren, haben gemeinsam, dass sie unglaublich schmutzig sind, zerrissene Kleidung tragen und entweder barfuss laufen oder in den Ueberresten von Plastiksandalen. Viele von ihnen haben Hautkrankheiten und Wunden. Es sind nur Jungen zwischen 4 und 18 Jahren, die Tag und Nacht durch die Strassen ziehen, um zu betteln, zu stehlen oder auf der Suche nach einer Bleibe.
Ich spreche von den sogennanten “Talibé” Kindern in Dakar, der Hauptstadt des Senegal. Die Talibé sind Opfer einer alten, im Senegal mit dem Islam verhafteten, Tradition. Sie besteht daraus, die Soehne einem “Marabout”, das heisst einem Koranlehrer anzuvertrauen, der die Verantwortung fuer das Kind uebernimmt und ihnen den Koran beibringt. Der Marabout hat das Recht die Kinder fuer sich arbeiten zu lassen und sie zum Betteln auf die Strasse zu schicken. Wenn sie ihm nicht den geforderten Geldbetrag heimbringen, werden die Kinder haeufig misshandelt. Das “Marabout-Talibé”- System ist ein gutes Beispiel fuer eine ehemals nuetzliche Tradition, die sich in einen Katalysator fuer Kindesmisshandlung verwandelt hat.
Die Eltern geben ihr Kind zum Marabout, damit er ihnen die Verantwortung fuer die religioese Bildung und die Versorgung des Kindes abnimmt. Das war zumindest frueher so. Doch heute haben viele Marabouts so viele Kinder in ihrer Obhut, dass weder Fuersorge noch Koranlehre stattfinden. Die Kinder verbringen den Grossteil ihres Lebens auf der Strasse und verrohen. Sie klauen um zu ueberleben, nehmen Drogen und sind permanent physischer Gewalt und haeufig auch sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Und es sind viele. Man sieht sie staendig und ueberall. Schaetzungen nach sind es mehrere Hundertausend nur allein in Dakar. Wieso geben die Eltern dann immer noch ihre Kinder weg? Meistens weil sie keine Wahl haben: Sie koennen nicht alle ihre Kinder ernaehren, also werden einige geopftert und unter Absegnung der religioesen Werte dem Marabout uebergeben.
Eine Szene, von der ich letztes Wochenende Zeugin wurde, gibt eine Idee von dem alltaeglichen Ueberlebenskampf der Jungen auf der Strasse: Ein kleiner Junge, hoechsten 5 Jahre alt, rennt mit seinem Betteleimer vor zwei wesentlich groesseren Jungen davon. Er faellt hin, die grossen Jungs holen ihn ein, reissen ihm seinen Eimer weg, wobei der eine ihm noch mit seinem eigenen Blecheimer auf den Kopf haut. Dann rennen sie weg. Der kleine Junge versucht hinterher zu laufen, er blutet aus einer Wunde am Knie und am Kopf. Er gibt auf und weint. Noch nie habe ich ein Kind so weinen hoeren, so voller Verzweiflung und so laut. Doch niemand reagiert auf den Vorfall, die Leute haben sich an die staendig streitenden Strassenkinder gewoehnt. Als ich ihn anspreche, schaut er mich mit angstverzerrtem Gesicht an und rast davon. Ich bleibe fassungslos zurueck.
Wie soll diese Generation von Kindern in der Zukunft zur Entwicklung ihrer Landes beitragen? Wie kann sich eine Gesellschaft daran gewoehnen, diese Massen an Kindern jeden Tag auf der Strasse zu sehen? Armut macht nur selten jemand zu einem besseren Menschen. In ihrer schlimmsten Form aber, zerstoert sie die Seele und nimmt vielen Kindern auf immer die Chance auf ein erfuelltes Leben. Dem unglaublichen Leiden dieser Kinder muss ein Ende gesetzt werden! Nur mit gemeinsamer Energie koennen wir vielleicht eines Tages erreichen, dass die Millenniumsziele zur Armutsreduktion nicht nur auf dem Papier stehen. Lasst uns heute anfangen!
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18. Oktober 2008 um 18:34
Liebe Frau Behrendt,
Ihr Artikel hat mich zutiefst erschüttert. Aber wo anfangen, ich fühle mich jetzt gerade so hilflos und klein.
Ich werde natürlich in meiner Aktionsgruppe weiterkämpfen und versuchen soviel Spenden wo möglich zu sammeln, damit Plan möglichst viel Gutes damit tun kann. Aber wann wird sich grundlegend was ändern? Merken Sie denn, dass sich von Seiten der Regierung und der Politik allgemein irgendwas zum Besseren bewegt?
Wünsche Ihnen viel Kraft bei Ihrer Arbeit.
2. November 2008 um 20:12
hallo liebe Frau Behrendt,
ich wollte Ihnen hiermit nochmals meine persönliche Bewunderung ausdrücken und Ihnen alles Gute und Gesundheit für Ihre wichtige und hervorragende Arbeit wünschen.
Ihre Vorträge und Ausführungen auf dem AG-Tag in Bad Hersfeld waren äusserst beeindruckend.
Sie sind eine tolle Frau. Es war mir eine große Freude und Ehre, Sie persönlich kennengelernt zu haben.
Gott schütze Sie
Herzlichst
Edeltraud Diederichsen
AG Schwandorf