Blog Action Day 2008: Kinderarmut

von Stefanie Conrad

“Die aermsten Kinder sind die, die ohne Schuhe in die Schule kommen”, haben mir die Jungs und Maedchen aus dem Dorf in der naehe von Sokodé gesagt. Wenn man sich mit den Kindern ohne Schuhe unterhaelt, versteht man, wie sich ihre Armut anfuehlt.

Da ist zuerst einmal ganz grosse Scham. “Ich warte nur auf den Tag, an dem ich an der Reihe bin”, erzaehlt mir ein kleines Maedchen, dessen kakifarbene Schuluniform ein paar Nummern zu gross von ihren mageren Schultern haengt. “An der Reihe?”, frage ich und erfahre, dass die aermeren Kinder oft gnadenlos dem Spott der anderen ausgeliefert sind, so schlimm, das sie sich zu allerletzt nicht mehr in die Schule trauen. Ein Junge erzaehlt mir, dass er eines Tages einfach nicht mehr hingegangen ist “die haben mich immer den Opa der 3. Klasse genannt. Ich habe zweimal ein Jahr versaeumt, weil meine Eltern nicht mehr bezahlen konnten. Die anderen Kinder haben mir gemeine Namen gegeben und mich zu mehreren verpruegelt. Da hab ich’s nicht mehr ausgehalten”. In Togo ist Schule zwar theoretisch gebuehrenfrei – aber praktisch gibt es sogenannte “Parallelkosten”, die ueber Uniform und Buecher auch mal einen Anteil fuer die Benzinkosten des Regionalen Schulinspektors einbehalten, damit er seinen Job ueberhaupt ausueben kann.

Scham und Gewalt sind zwei Begleiterscheinungen von Kinderarmut, die sich auch im Erwachsenenalter nicht ablegen lassen. Arme Kinder sind ueberproportional Gewalt und Missbrauch ausgesetzt. Mit 13 wird von Maedchen und Jungen in West Afrika erwartet, voll zum Haushaltseinkommen beizutragen und ihre eigenen Kosten zu tragen.

Bei einem Besuch in Ghana erzaehlte mir eine Regionalbeamtin der Regierung, die fuer Maedchenbildung zustaendig ist, dass junge Maedchen hier Sex fuer einen Eimer Fisch verkaufen. Woher der Fisch kommt, fragt dann niemand zu Hause. Gleichzeitig beschweren sich viele Eltern aber, dass die Moral der Jugend heutzutage so verkommen ist. In Sierra Leone, ein paar Wochen spaeter, sprechen wir mit Schulkindern, die uns berichten, wie Klassenkameraden, die die Schulgebuehren nicht haben zahlen koennen in einer oeffentlichen Zeremonie gedehmuetigt und aus der Schule geworfen werden. “Driven for school fees” wird dieser Akt genannt, an dem oftmals die ganze Schule teilnimmt. Fuer viele Kinder und Jugendliche, die immer noch unter Kriegstraumata leiden bedeutet es, dass eine letzte Hoffnung zerbricht und ein weiteres Trauma, das oftmals die nur noch duennen Abwehrkraefte (Resilience) zum versagen bringt.

Gewalt und Scham sind der Beigeschmack von Kinderarmut.




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4 Kommentare zu “Blog Action Day 2008: Kinderarmut”

  1. Claudia Ulferts
    15. Oktober 2008 um 11:05

    Was ich an diesem Beitrag so mag, ist, dass er mich auf Aspekte von Kinderarmut stößt, die mir so erst mal nicht in den Sinn gekommen wären. Ich denke bei diesem Thema zuerst daran, dass Kinder genug zu essen haben müssen und zur Schule gehen können, damit sie sich eine Perspektive für ihre Zukunft aufbauen können. Dass arme Kinder diese Chance – vielleicht ihre einzige Chance – aus Scham und Angst vor Hänseleien ausschlagen könnten und sich einfach nicht mehr in die Schule trauen, weil sie keine Schuhe haben, ist traurig, unendlich traurig. Aber ich kann es so gut nachempfinden. Wer hat es nicht selber mal in der ein oder anderen Form in der Schulzeit erlebt? Die Angst davor, gehänselt zu werden, bloßgestellt zu sein? Stefanies Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, den Kindern Selbstvertrauen zu geben, ihr Selbstwertgefühl zu steigern, damit sie sich gegen solche Demütigungen zur Wehr setzen können – und nicht ihre Chance verpassen.

  2. Ulrich Schlenker
    15. Oktober 2008 um 12:24

    Toll, dass PLAN auch beim “Blog Action Day” mitmacht. Hier ist der Beitrag von “Deine Stimme gegen Armut” zum Aktionstag: http://www.deine-stimme-gegen-armut.de/blog/2008/10/15/boersen-beruhigt-banken-gerettet-war-sonst-noch-was/ Spannend, wie vielfältig die Beiträge sein können.

  3. Edeltraud Diederichsen
    16. Oktober 2008 um 20:29

    Das ist ja furchtbar, zu erfahren dass es da eigentlich genauso abläuft wie bei uns. Nur bei uns sind es gewisse Statussymbole wie Handy, Markenklamotten etc.
    Ich hoffe nur, dass mein Patenkind aus Togo “normal” gekleidet zur Schule gehen kann…

  4. Volker Egner
    24. Oktober 2010 um 14:27

    Kinderarmut ist ein Übel das dringend bekämpft werden muss.
    Die Ausbeutung von Kindern in sexueller und wirtschaftlicher Hinsicht sollte durch weltweit agierende Hilfsorganisationen nachhaltig unterbunden werden.Es darf nicht sein das Kinder
    dazu benutzt werden Profite zu steigern.Das ist unmoralisch und gehört ,notfalls gesetzlich,verboten.Selbst bzw. gerade in Entwicklungsländern sollte eine stärkere Überwachung stattfinden die Kindern ein unbeschwerteres Aufwachsen ermöglicht und Ihnen Zukunftschancen sichert.

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