Der Ramadan ist vorbei

von Alice Behrendt

Nun ist er mal wieder vorbei, der Fastenmonat unserer muslimischen Kollegen. Ueber einen Monat wurde von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken.  Im Senegal, wo ueber 95 % der Bevoelkerung muslimisch ist, bedeutet es, dass das gesamte Land in einen anderen Rhythmus verfaellt. Tagsueber werden alle Aktivitaeten auf das Notwendigste reduziert, die meisten Restaurants haben geschlossen und gegen Abend werden unglaubliche Nahrungsmengen zubereitet und ueber die Nachtstunden hinweg verzehrt. Wie jedes Jahr habe ich meine Kollegen bewundert, die es schaffen, bei ueber 30 Grad und einer gewaltigen Luftfeuchtigkeit den ganzen Tag nichts zu trinken!

Am Dienstag, kurz vor Ende des Ramadan, richten alle ihre Augen gespannt zum Mond: Je nach seinem Stand, wird der Fastenmonat dieses Jahr am Mittwoch oder am Donnerstag beendet. Da es jedoch unterschiedliche islamische Bruederschaften im Senegal gibt, gibt es auch unterschiedliche Meinungen, wann der Ramadan beendet werden muss. Entsprechend feiern einige am Mittwoch, einige am Donnerstag, und alle freuen sich ueber die zusaetzlichen freien Tage.

Am Tag des grossen Festes mache ich mich auf den Weg zu einer Familie, die ich schon seit meinen ersten Aufenthalten im Senegal kenne und die es nie versauemt mich fuer die Feiertage einzuladen. Ich mache mich am fruehen Nachmittag auf den Weg und komme mir in meinem einfachen Kleid inmitten der farbenfrohen Pracht der Bubus (einheimische Kleidung) etwas deplaziert vor. Meine Freundin holt mich in einem kunstvoll bestickten blassgruenen Gewand an der Bushaltestelle ab. Nach den ueblichen Begruessungen und Segnungen, kommt der von mir schon erwartete Satz: “Alice, warum hast Du Dir nicht etwas Schoeneres angezogen?” “Wieso? Mein Kleid ist doch ganz in Ordnung” entgegne ich, obwohl ich schon weiss, dass ich auf verlorenem Posten bin. Rugiatou runzelt nur die Stirn und zieht mich in den Hof der Familie, wo zahlreiche Personen – bekannte und unbekannte – auf uns einstuermen und lebhaft begruessen.

“Haben wir nicht ein anderes Kleid fuer Alice?” Das ist die Stimme einer von Rugiatous Kusinen und mir wird mal wieder klar, dass ich so viel Entschlossenheit nicht gewachsen sein werde: Inzwischen ist es schon fast Tradition, dass ich bei meiner Ankunft umgezogen werde! Ruckzuck werde ich in ein Schlafzimmer geschoben. Rugiatou scheucht die Kinder hinaus und haelt mir einen blau-goldenen Bubu hin. “Aber bitte nicht die Haare” rutscht es mir heraus. “Wenn Du mir mit dem Kopftuch hilfst, sieht man die Zoepfe eh nicht.” Bloss keine lange Flechtzeremonie! “Du hast recht”, sagt Rugiatou und bindet mir das Kopftuch in einer Weise, dass man meine Haare nicht mehr sieht. Nur die vorderen Straehnen werden doch noch schnell eingedreht.

Komplett verwandelt gehe ich wieder in den Hof. Alle klopfen mir lachend auf die Schulter und machen Platz in der grossen Runde. Wir sitzen um einen riesige Essschale, wo sich Schaffleisch mit Pommes und Zwiebeln auftuermen. Wir essen gemeinsam aus der Schuessel, die meisten direkt mit den Haenden; ich habe mir schnell einen Loeffel ergattert. Eine Stunde spaeter liegen wir entspannt auf Matten im Salon. Es wird stark gezuckerter gruener Tee gereicht und ueber Politik diskutiert. Wird es der senegalesische Praesident tatsaechlich wagen uns seinen Sohn als naechsten Praesident aufzuzwingen? Das Gespraech ist lebhaft, wechselt staendig zwischen den Sprachen Wolof und Franzoesisch hin und her, Kinder toben zwischen uns herum, ein Baby schlaeft auf meinem Schoss und einige Maenner erheben sich, zum Beten um in die Moschee zu gehen. „Alice, freust Du Dich nicht, dass Du Dich umgezogen hast? So ist es doch viel festlicher“ hoere ich Rugiatou’s Stimme. “Sicher”, sage ich, “aber am meisten freue ich mich, mal wieder bei Euch zu sein. Die Familenstimmung fehlt mir manchmal auf meinen Reisen…”



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