Typisch Südafrika?

von Josef Decosas

Nelson Mandela Platz in Johannesburg, Südafrika (Foto: Tim van Rooyen)Es ist Sonntag Abend. Ich bin im Oliver Tembo International Flughafen von Johannesburg (Südafrika) und höre zum ersten mal von den Ausschreitungen gegen Einwanderer in der Stadt. Ich bin auf dem Heimweg nach einer dreitägigen Aufsichtsratssitzung des Southern African AIDS Trusts (SAT), einer regionalen Aids Organisation die ich vor beinahe 30 Jahren mitgegründet hatte. Drei Tage in einem Konferenzzimmer in dem Luxusviertel Sandton.

SAT arbeitet nicht in Südafrika, sondern nur in den Nachbarländern. Das Büro musste vor drei Jahren von Harare (Simbabwe) nach Johannesburg umziehen weil die Lage in Simbabwe unerträglich geworden war. Ich besuche Südafrika regelmässig seit dem Ende der Apartheid, aber immer nur für kurze Besprechungen, meisstens in Johannesburg. Was ich von Südafrika sehe ist nicht representativ. Trotzdem, es ist auch eine Realität des Landes.

Nelson-Mandela-Platz, Sandton, Johannesburg, Südafrika (Foto: Michael Leiberum)Freitag Abend auf dem Nelson Mandela Platz im Herzen des opulenten Einkaufszentrums von Sandton. Ein Platz umgeben von schicken Restaurants, von Sushi bis zu gigantischen südafrikanischen Steaks. Preisgünstig für Europäer, unerschwinglich für die Mehrheit der Südafrikaner. Die Tische sind alle besetzt, Noch vor wenigen Jahren waren die Kunden alle weiss, die Kellner alle schwarz. Heute sieht es nicht mehr so aus. Die Gruppen an den Tischen sind schwarz, braun und weiss. Gemischte Gruppen sind selten, gemischte Paare noch seltener, aber es ist klar das hier eine neue Mittelklasse in den Farben der Regenbogennation ensteht.

Vor der Veranda des Restaurants spielt die eigentliche Szene. Der gepflasterte Platz ist voll. Unter der riesigen Bronzestatue eines sehr jung aussehenden Mandelas drängeln sich einige Hundert Jugendliche. Das Durchsnittsalter schätze ich auf 15 bis 16. Alle Farben sind vertreten. Sie stehen herum in Gruppen, schwatzen, lachen und flirten. Gemischte Gruppen sind auch hier die Ausnahme. Weiss mit weiss, schwarz mit schwarz, braun mit braun. Aber es gibt doch genügend Zeichen dass das Mosaik sich auflöst. Diese Jugend hat die Apartheid Epoche kaum miterlebt. Es wird trotzdem noch einige Zeit dauern bis die Rassentrennung aus dem System verschwindet.

Während ich hier sitze und das Leben geniesse, beginnt, nur einige Kilometer entfernt, der Horror im Alexandra Township. Jugendlich Banden verprügeln und vergewaltigen Einwanderer aus Simbabwe, Mosambik, Malawi, aber auch Südafrikaner asiatischer Herkunft. Häuser und Autos brennen. Geschäfte werden geplündert.

Wo ist das wahre Südafrika? Die privilegierte Mittelstandsjugend auf dem Nelson Mandela Platz in Sandton, oder die verarmten und perspektivlosen jugendlichen Banden in der Alexandra Township. Beide gehören wohl dazu. Die Zukunft des Landes wird davon abhängen wie weit es dem Land gelingt die Schlucht zwischen diesen zwei Welten zu überbrücken.

In einigen Wochen werde ich mit meiner afrikanischen Familie nach Rostock ziehen, eine Stadt in der noch vor wenigen Jahren ein afrikanischer Student von einer Jugendbande zu Tode gehetzt wurde. Meine Kollegen in Ghana sagen mir das währe zu gefährlich. Zieh doch nach Berlin oder Hamburg sagen sie. Aber ich weiss es besser. Sie kennen nähmlich nur die Schlagzeilen. Frieden macht keine Schlagzeilen. Rostock ist nicht ein Spielplatz für Neonazis. Zulu Banden in den Townships Südafrikas sind nicht representativ für das ganze Land. Aber beides gibt es, und dessen sollte man sich auch bewusst sein.



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