Eine starke Gemeinschaft
von Josef Decosas
An der Grenze faengt es an zu regnen. In wenigen Minuten ist alles nass, auch mein Gepaeck, das hinten auf der Ladeflaeche des Pickups liegt. Wir sind zu viert in der Kabine, und da ist kein Platz fuer Koffer. Der Grenzuebergang ist mit einigen Dutzend Lastwagen verstopft. Sie sind nebeneinander geparkt, in Zweier- und Dreierreihen auf beiden Seiten der Grenze, in Uganda und in Kenia. Wir koennen uns kaum durchschlaengeln.
Dies ist die Lebensarterie Ugandas und Zentralafrikas. Diese Strasse verbindet den Hafen von Mombasa mit dem Inneren Afrikas. Einige Wochen lang war sie gesperrt, als in Kenia um den Ausgang der umstrittenen Praesidentenwahlen gekaempft wurde. Jetzt ist sie wieder offen und die Tankwagen und Container-Brummis sind wieder unterwegs. Anscheinend besteht Nachholbedarf, darum herrscht hier Chaos.
Aber es regnet. Zum ersten Mal in diesem Jahr. Die lange Trockenzeit ist vorbei. Der rote Staub waescht in Stroemen von den Bananenblaettern, und ploetzlich ist alles wieder gruen. Die Brummifahrer, die Zollbeamten, die Geldwechsler und die Taschendiebe - alle sehen zufrieden aus. Sie draengen sich auf der Veranda des Zollhauses und lachen gutmuetig ueber den Muzungu, der sich so viele Sorgen um seinen nassen Koffer macht. “Welcome to Uganda, Sir”. Drei Tage spaeter sitze ich auf einer niedrigen Holzbank auf Joshuas Farm. Im Kreis hocken zwei Maenner und etwa 15 Frauen. Es hat jetzt schon dreimal geregnet und die Gesichter strahlen. Erdnuesse, Suesskartoffeln, Maniok, Bananen und der kleine Gemuesegarten neben der Kueche, alles gedeiht. Dies ist eine “Sustainable Livelihood”-Gruppe (Gruppe, die ihre Lebenssituation nachhaltig verbessert) Gruppe von Plans “PMTCT-plus” Projekt (prevention of mother to child transmission-plus) in Mukujju im Osten Ugandas. Das Projekt wird von Plan Deutschland unterstuetzt.
Nacheinander stehen die Gruppenmitglieder auf und erzaehlen ihre Geschichte. Joshua sagt, er war so schwach, dass er nicht einmal ein Glas Wasser alleine zum Mund fuehren konnte. Ungefaehr die Haelfte der Frauen ist verwitwet. Sie haben ihre Maenner gepflegt, bis sie an Aids starben. Alle haben Kinder zuhause, viele auch die Kinder ihrer verstorbenen Geschwister.
Aber dann kamen sie zur Krankenstation in Mukujju. Sie bekamen Anti-HIV-Medikamente, soziale Betreuung und landwirtschaftliche Beratung, jetzt geht es ihnen gut. Sie sind erfolgreiche Bauern, von ihren Nachbarn beneidet. Sie haben einen Sparverein gegruendet und die Kasse ist voll. Wenn einer von ihnen dringend Geld braucht, ist immer etwas da. Sie helfen und unterstuetzen sich gegenseitig. Sie sind eine starke Gruppe.
“Ihr seid so erfolgreich”, sage ich, “aber das Einzige, das euch verbindet, ist eure HIV-Infektion.” Allgemeines Kopfnicken. “Koenntet ihr denn auch so eine starke Gemeinschaft gruenden, wenn ihr nicht mit HIV leben wuerdet?” Sie schuetteln den Kopf. Was soll man da sagen? Heute morgen noch war ich in der Grundschule und habe die Choere der Kinder gehoert “Aids toetet” und ”Aids ist ein Fluch Gottes”. Und jetzt sitze ich neben Joshuas Ziegenstall und die Wahrheit sieht ganz anders aus: HIV staerkt, HIV verbuendet. Es ist wirklich alles viel nuancierter, als sich auf den ersten Blick erkennen laesst.
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28. März 2008 um 13:09
“HIV staerkt; HIV verbuendet” – kann ich aus meiner Erfahrung in Tansania nur bestätigen. Auch dort ist es so, dass HIV/Aids zunächst einmal gravierende gesellschaftliche Probleme verursacht.
Gleichzeitig aber ist es faszinierend zu sehen, wie die Menschen sich aktiv mit der Problematik auseinander setzen und welche soziale Dynamik sich entfaltet. Es gibt unzählige NGOs, die zum Teil fantastische Arbeit leisten. Auch hat das Thema längst Einzug in den alltäglichen Diskurs gehalten, präsent z.B. in Songtexten, auf Plakaten am Straßenrand oder der Vielzahl an Veranstaltungen zum Welt-Aids-Tag.