Auf einem Fahrradtaxi
von Josef DecosasSam ist heftig am Schwitzen. Meine 95 Kilogramm machen ihm zu schaffen. Aber er laesst nicht nach. Schliesslich kann er von mir ja auch den doppelten Preis verlangen, und er weiss ich werde ohne Protest zahlen.
Sam ist mein Taxifahrer, der mit viel Schweiss und Muehe den sanften Anstieg der Hauptstrasse Kisumus bekaempft, waehrend ich auf dem gepolsterten Ruecksitz seines chinesischen Fahrrads Marke Hero mein schlechtes Gewissen pflege. Vorbei am ausgebrannten Supermarkt, vor einem Monat gepluendert aus Rache an einer angeblich gestohlenen Präsidentschaftswahl in dieser Hochburg der damaligen Oppositonspartei Kenias. Jetzt ist wieder Frieden im Land. Es wird an einer grossen Koalition geschmiedet. Der ehemalige Oppositionsfuehrer aus Kisumu ist jetzt Kanzler geworden, aber die geschwaerzten Ruinen in dieser Provinzhauptstadt am Ufer des Viktoriasees erinnern an einige heisse Wochen.
Sam sagt, er war nicht dabei, aber ich bin nicht sicher, ob ich ihm glauben kann. Sam hat andere Sorgen. Vor zwei Jahren lag er noch im Sterben, mit Tuberkulose und Aids. Dann hat er sich bei einem Anti-HIV-Behandlungsprogramm gemeldet, und jetzt faehrt er schon wieder sein Fahrradtaxi. Die Behandlung ist kostenlos, unterstuetzt mit Riesen-Zuschuessen der US-Regierung und des Globalen Fonds. Aber seinen Lebensunterhalt muss er selbst verdienen, und das ist nicht leicht als Fahrradtaxifahrer. Da ist die Versuchung schon gross, sich einmal schnell im brennenden Supermarkt zu bedienen.
Ich bin nicht ueberrascht, dass Sam HIV-positiv ist. In Kisumu ist jeder sechste Erwachsene HIV-positiv. Aber es ist doch ueberraschend, dass er mir das erzaehlt. Wir stehen an der Strassenecke und trinken eine Cola. Er weiss, dass ich als HIV-Experte fuer Plan arbeite, vielleicht ist er deshalb so offen. Ich frage ihn, warum es hier so viel HIV gebe? Mehr als dreimal so viel wie im uebrigen Kenia? Ich stelle dieselbe Frage ueberall und bekomme keine befriedigende Antwort. “Wir”, die Menschen am Viktoriasee, “haben mehr Spass als die anderen”. Das kann’s doch nicht sein.
Ich spreche mal vorsichtig das Thema Beschneidung an. Die Maenner in dieser Gegend sind nicht beschnitten, im Gegensatz zu der Mehrheit der Kenianer. Es ist die plausibelste Erklaerung, aber selbst die Chefaerztin im Bezirkskrankenhaus will da nicht so richtig hinhoeren. “Vielleicht ist es das”, sagt sie, “wir werden ja sehen. Im naechsten Monat faengt das freiwillige Beschneidungsprogramm der Amerikaner hier an.”
Fuer Sam geht das Leben weiter. Solange es das kostenlose HIV-Behandlungsprogramm gibt und solange er die Anti-HIV Medikamente der ersten Linie verträgt, unterscheidet er sich von seinen Taxifahrerkollegen nur durch einen positiven Labortest. Aber er hat schon einmal dem Tod ins Gesicht geschaut. “Fuer mich ist das Leben ein Geschenk”, sagt er.
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