Liebe
von Stefanie Conrad
Ich gehe inmitten einer Horde Kinder durch ein abgelegenes Dorf im Norden Guinea Bissaus, dessen verfallene Amtsgebaeude von seiner ehemaligen Wichtigkeit waehrend der Kolonialzeit sprechen. Heute liegt vor der einstmals schoenen Kathedrale die stumme Kirchturmglocke. Das Neuste in der Gemeinde ist ein Plakat mit einem glaenzend roten Aids-Emblem. Die Kinder zeigen mir ihr Dorf und erzaehlen mir von ihren Problemen. Ein Junge hat seinen Arm um ein Maedchen gelegt, und sie haelt halb verlegen, halb stolz seine grosse dunkle Hand. Ich bin erstaunt: Es ist selten, in Westafrika junge Liebespaare zu sehen, die offen zeigen, dass sie verliebt sind, vor allem in den laendlichen Gebieten. Haendchenhalten ist etwas, das hoechstens in Metropolen wie Dakar oder Abidjan zu sehen ist, und selbst dort von den Aelteren mit kritischem Blick betrachtet wird.
Das Bild des jungen Paares macht mir wieder einmal klar, wie sehr diese Region im Umbruch ist, ein Umbruch, der junge Menschen in ein unglaubliches Spannungsfeld zwischen Tradition und Modernitaet versetzt und soziale Werte – inklusive Liebe – infrage stellt. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass das Konzept von Liebe nicht universell ist, sondern ein soziales Konstrukt. Wir sind so sehr an unser Bild der romantischen Liebe gewoehnt, dass es fuer uns schwer ist, einen Begriff von Liebe zu akzeptieren, der ein Buendnis zwischen zwei Familien mit dem Ziel, soziale Sicherheit zu schaffen, beinhaltet. Ich denke an die Gespraeche mit Kollegen und Jugendlichen zu dem Thema. “Ich liebe meine Frau”, sagte mir ein junger Mitarbeiter, “die Beziehung war eine sehr gute Wahl unserer Eltern.” “Ich gehe mit einem Jungen, wenn ich etwas haben moechte”, erzaehlte uns ein junges Maedchen aus Dakar. Und “Wenn wir uns nicht auf das Draengen der Maedchen einlassen, dann erzaehlen sie ueberall herum, man koenne nicht”, konterte ein junger Mann. Liebe zwischen Tradition, finanziellen Erwaegungen und Peer Pressure. Ich schaue auf das junge Paar im abgelegenen Guinea Bissau: Sie sehen genauso aus wie Teenager in Deutschland, die zum ersten Mal verliebt sind.
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