Spuren des Bürgerkriegs in Liberia
von Alice BehrendtHallo, ich heisse Alice. Ich arbeite seit knapp drei Jahren fuer Plan in Westafrika. Mein Standbein ist in Dakar (Senegal), allerdings ist es ein recht wackeliges Standbein: Ich bin nur ungefaehr sechs Wochen im Jahr tatsaechlich in meiner Heimat. Die meiste Zeit bin ich in den anderen Programmlaendern in Westafrika unterwegs. Ich arbeite im Bereich Forschung, Evaluierung und Projekunterstuetzung von Kinderschutzprogrammen. Die Arbeit macht mir viel Spass, wenn auch Buckelpisten, eine gigantische Luftfeuchtigkeit, Parasitenattacken und Malaria zuweilen an den Kraeften zehren.
Seit zwei Wochen bin ich in Liberia und Sierra Leone unterwegs, um eine Studie abzuschliessen und ein Training fuer ein Folgeprojekt durchzufuehren. Wir haben in den beiden Laendern im Grenzgebiet 400 Kinder interviewt, um mehr ueber ihre psychosozialen Beduerfnisse zu lernen und das Vorkommen haeuslicher und sexueller Gewalt in Nachkriegsgebieten besser einschaetzen zu koennen. Nun muessen wir die Frageboegen und Diskussionen auswerten und analysieren. Ich reise im Auto von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, bis an die Grenze nach Liberia und von dort weiter bis nach Monrovia, der Hauptstadt von Liberia. Aufgrund unterschiedlicher Meetings und den schlechten Strassen dauert die Reise drei Tage.
Nach einem kurzen Zwischenstopp in Monrovia, wo ich zwei junge Damen angeleitet habe, wie sie unsere Datenmengen zur Analyse in ein Computerprogramm eingeben, bin ich wieder in den Norden Liberias aufgebrochen.
Zurzeit bin ich in Voinjama, einer kleinen Stadt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Guinea. Die Natur ist atemberaubend schoen: Voinjama liegt mitten in den Bergen eines ueppigen Regenwaldes. Selbst im Februar, der “Trockenzeit”, kommen mindestens zweimal die Woche wahre Jahrhundertgewitter vom Himmel, die die Schotterpisten in gefaehrliche Kraterlandschaften verwandeln. Befestigte Strassen gibt es in diesem Teil des Landes nicht. Auch ansonsten ist das Land, und besonders der Norden, noch schwer von den Folgen des ueber 15 Jahre andauernden Buergerkrieges gekennzeichnet. Viele Haeuser wurden im Krieg zerstoert und stabile Behausungen sind begehrte Mangelware. Selbst in der Hauptstadt gibt es nur in wenigen Haeusern fliessend Wasser. Und Strom ist ein Privileg weniger Menschen, die abends ihren Privatgenerator einschalten koennen.
Eine ganze Generation junger Menschen ist gar nicht oder nur wenig zur Schule gegangen. Viele Kinder und Jugendliche sind im Krieg als Soldaten und Hilfskraefte missbraucht worden und haben nun grosse Probleme, sich wieder in das normale Gemeindeleben einzufinden. Junge Maedchen haben Kinder aus dem Krieg mit nach Hause gebracht, die meist von den Gemeinden nicht anerkannt werden, da das Maedchen den Vater nicht kennt oder dieser tot ist.
Ein betraechtlicher Anteil der Kinder hat in den Gefechten zwischen Rebellen und Regierungstruppen seine Eltern und Geschwister verloren und ist schwer traumatisiert. Sie mussten das Abmetzeln ihrer eigenen Eltern mitansehen oder teilweise sogar selber mitverursachen. Ja, in Liberia haben ueber Jahre hinweg die schlimmsten und barbarischsten Grausamkeiten, Exekutionen und Folterungen stattgefunden. Nun ist seit einigen Jahren ein Friedensprozess im Gange, indem Taeter und Opfer versuchen, wieder in einer Gemeinde zu leben. Plan tut sein Bestes, um die Gemeinden beim Wiederaufbau zu unterstuetzen, Schulstrukturen aufzubauen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und fuer Kinderrechte einzutreten. Aber es ist wahrlich nicht leicht, in Liberia zu arbeiten. Immer wieder finden bewaffnete Ueberfaelle auf NGO (Nichtregierungsorganisation) oder UN Mitarbeiter statt. Trotz gross angelegter Entwaffnungsprogramme kursieren nach wie vor Kalaschnikows auf dem Schwarzmarkt. Meine Bewegungsfreiheit ist von daher sehr einschraenkt. Und die haeusliche und sexuelle Gewalt, der Frauen und Kindern ausgesetzt sind, kennt keine Grenzen.
An meinem ersten Abend in Voinjama berichtet mir die Mitarbeiterin einer Partner-NGO, dass ein junges Maedchen von ihrem Mann so schlimm misshandelt wurde, dass sie im Koma liegt. Ihre Verletzungen erlauben keinen Transport auf den schlechten Strassen in die Hauptstadt, wo bessere Behandlungsmoeglichkeiten zur Verfuegung stehen wuerden. Wir beraten bedrueckt, aber zurzeit koennen wir nur abwarten. Manchmal hilft in Afrika wirklich nur noch Beten.
Trotz der schweren Bedingungen, arbeiten wir mit viel Elan und in guter Stimmung an unserem Training. Ich habe ein wunderbares Team, bestehend aus vier Maennern und zwei Frauen: Abdulai, Fatmatah und Laurence aus Sierra Leone und Lakika, Joseph and Sumor aus Liberia. Gemeinsam arbeiten wir an Strategien zur Verhinderung von Missbrauch und zur Suizidpraevention, zur Unterstuetzung minderjaehriger Muetter und zur Verbesserung von Kinderschutzmoeglichkeiten. Unser unmittelbares Ziel ist es, den Kindern, die an der Studie teilgenommen haben und die sich zum Zeitpunkt des Interviews in akuter Lebensgefahr befunden haben, helfend zur Seite zu stehen. Langfristig hoffen wir weitergreifende Kinderschutzprogramme entwickeln zu koennen. Mehr dazu, wenn ich wieder Zeit und Strom habe. Gerade ist der Generator abgestellt worden und ich sitze im Stockfinstern. Also ab unters Moskitonetz und bis zum naechsten Mal.
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13. Februar 2008 um 13:39
Liebe Frau Behrendt, danke für diesen eindrucksvollen Bericht. Ebenfalls vielen Dank an all Ihre Kollegen, die an diesem Blog mitwirken und über diesen Weg ihre Arbeit nahe bringen. Ein Dank geht auch an Plan, dass es eine so offene Kommunikation möglich macht.
14. Februar 2008 um 10:07
Liebe Alice,
Du hast meinen Respekt und meine Bewunderung für Deine Arbeit! Ich hoffe, wir hören mehr von Dir, wenn der Generator wieder an ist. A.
18. Februar 2008 um 17:08
Liebe Alice,
wir müssen Dir alle sehr dankbar sein, dass Du derartige Strapazen und Gefahren auf Dich nimmst. Vielen Dank. Es würde mich freuen, mehr von Dir zu hören. Ich hoffe, dass wir eines Tages auch sehen können, was etwas Menschlichkeit aus Kriegsgebieten machen kann. Nicht nur kurzfristig, sondern langfristig. Auf das wir alle Möglichkeiten dazu ausschöpfen können.
Gesa