Ghana: Unter dem Baobab
von Josef Decosas
Lasst mich zuerst einmal mich vorstellen. Ich komme aus Rostock, aber seit 40 Jahren kenne ich Deutschland nur noch als Urlaubsziel. Vier bis fuenf Wochen Deutschland im Jahr. Am Anfang ja nur im Westen.
Ich sitze in meinem Buero auf einem Berg, der das Delta des Densu Flusses ueberschaut. Das Buero habe ich vor zehn Jahren selbst gebaut, damals in einer einsamen Gegend an der Stadtgrenze von Accra. Jetzt wurde es schon lange von der kriechenden Vorstadtgrenze ueberholt.
Um mich herum wachsen abenteuerliche Villen, allen voran die gruen angestrichene Monstrositaet meines Nachbarn, John Mensa, zur Zeit Kapitaen der ghanaischen Fussball-Nationalmannschaft, die in Accra um den afrikanischen Titel kaempft. Den “Felsen von Gibraltar” nennt man ihn, und natuerlich ist er Verteidiger.
Aber der Blick auf die Ebene und auf die kilometerlangen Atlantikstraende verbleibt.
Hier ist Trockenzeit. Die Luft ist staubig und diesig. In der Ebene brennen riesige Feuer, die den Tag einnebeln und die Nacht erhellen. Die Sonne ist eine rote Scheibe hinter dem Staubnebel. Meine Frau, eine Ghanaerin aus dem Norden des Landes, sagt, man soll sich in der Trockenzeit verlieben. Die trockene Luft macht alle Leute haesslich. Wenn dir eine Frau in der Trockenzeit gefaellt, dann gefaellt sie dir erst recht, wenn die Regenzeit kommt. Aber huete dich vor Schoenheiten im Regen.
Warum sitze ich hier in Accra, wenn ich eigentlich fuer die Plan-Koordinierungsstelle in England arbeite? Froh bin ich. Ich moechte gar nicht woanders sitzen. Aber es kam trotzdem nur aus Zufall zustande.
Als ich mich vor mehr als sechs Jahren um einen Posten beim Plan-Regionalbuero bewarb, da dachte ich, das Buero waere in Accra. Ich hatte es schlicht mit einer anderen Kinderhilfsorganisation verwechselt. Umziehen wollte ich nicht, und Plan akzeptierte, dass ich fuenf Jahre lang als Gesundheitsberater in meinem eigenen Buero in Ghana fuer das Regionalbuero in Senegal arbeitete.
Als ich dann vor einem Jahr zur Koordinierungsstelle wechselte, um fuer Plan das Thema HIV/Aids auf internationaler Ebene zu betreuen, stand schon fest: Ich kann meine Arbeit genauso gut in Afrika weitermachen, vielleicht sogar besser.
Umziehen will ich immer noch nicht, aber der Druck von meinen zwei Toechtern wird immer staerker. Auf dem Bild sind sie zu sehen, vor dem Plattenbau in Rostock, wo wir eine zweite Wohnung haben. Sandra ist jetzt schon zehn und Ria ist sieben. Sie lieben die Ferien in Rostock, allerdings kennen sie den Alltag dort noch nicht.
Heute morgen haben wir wieder darueber diskutiert. Wir stehen frueh auf, um fuenf, denn der Weg zur Schule ist weit. Wir fruehstuecken auf der Terrasse, wenn es gerade hell wird. In der Trockenzeit ist es kuehl und dunkel. Relativ kuehl, so um die 20 Grad, aber kuehl genug, dass sich unser Gaertner die Wollmuetze ueber die Ohren zieht. Die Sonne kommt, wenn die letzten Cornflakes vom Teller verschwinden. Sie geht hinter dem riesigen Baobab Baum auf, der immer noch nebenan steht. Frueher waren es viele, jetzt ist er der letzte Riese auf unserem Berg. Er wird immer noch morgens von einer Schar grauer Papageien besucht. Der Laerm ist ohrenbetaeubend, aber die Artistik ihrer Kletterei ist unterhaltsam. Es werden auch immer weniger. Bald werden sie ganz verschwunden sein. Das ist eben der Fortschritt: Viel Beton und Asphalt, dafuer haben wir jetzt auch Elektrizitaet und fliessendes Wasser.
Sandra fragt mich “Warum starrst du denn immer auf den Baum?” Wie soll ich ihr bloss erklaeren, dass ich ihn ins Gehirn praegen will, denn ich bin sicher, ich werde ihn einmal sehr vermissen.
Soviel aus Accra. In vier Wochen faengt das Reisen wieder an, denn als internationaler Berater bin ich sehr viel unterwegs. Dann gibt es vielleicht Geschichten aus anderen Laendern.
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6. Februar 2008 um 12:24
Das ist eine wirklich tolle Geschichte. Und auch die anderen Beiträge sind absolut lesenswert. Warum hat eigentlich ein Baobab immer so wenig Blätter?
6. Februar 2008 um 14:08
Der hat nicht immer wenig Blaetter. Zur Zeit ist er fast kahl, aber die neuen Blaetter kommen schon wieder. Angeblich schmecken die gut als Gemuese (ich habe sie noch nicht probiert – und der Baum steht ja auch beim Nachbarn auf dem Gelaende).