Tap-Tap, so heißen die vielen bunten Busse, die in jeder erdenklichen Größe und Form durch Haiti fahren. Während ich im Stau stehe, lese ich ihre handgemalten Botschaften, die von einer tiefen spirituellen Gläubigkeit der Haitianer zeugen: One Love. Ave Maria. L’eternal est grand. Miracles. Patience. Benediction Divine.
Nachts höre ich oft die Menschen singen oder quirlige Tanzmusik spielen. Das Zusammenspiel von Liebe, Glaube und Hoffnung lässt mich glauben, dass in Haiti alles in Ordnung ist.
Armut nimmt einem weder die Würde noch die Freude und sie hält auch keine schöne Braut von ihrer Hochzeit ab. Sie stellt jedoch Friede und Freude, die aus einem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit entstehen, vor herzzerreißende Herausforderungen.
Es ist bekannt, dass Haiti schon vor dem Erdbeben sehr komplexe soziale Probleme hatte. Aber jetzt, in den großen provisorischen Zelt-Camps, die neben den menschenleeren Gemeinden entstanden sind, werden des Nachts Frauen, Mädchen und höchstwahrscheinlich auch kleine Jungen ihres Rechts auf persönlichen Schutz beraubt – mehr als je zuvor.
Der Weg zur mobilen Toilette oder dem freien Feld ist am schrecklichsten (je nach Qualität des Camps). Viele Frauen und Mädchen tragen jetzt zu ihrem Schutz zu jeder Zeit Jeanshosen.
Ich verbrachte einen Tag mit Andrinette Cadet, der Gesundheitsberaterin von Plan Haiti. Sie erzählte mir, dass sie seit 20 Jahren in Initiativen arbeitet, die sich für den Schutz von Mädchen und Frauen vor Gewalt engagieren.
Ich besuchte mit ihr zusammen ein Treffen, das vom Ministerium für Frauengesundheit ausgerichtet wurde. Dort wurde diskutiert, wie Regierung, Polizei und Nichtregierungsorganisationen am besten zusammenarbeiten könnten, um die geschlechtsspezifische Gewalt in den Camps zu reduzieren.
Auf dem Rückweg bat ich Andrinette, mir die Gründe für die Gewalt in den Camps zu erklären. Sie sagte sehr frustriert, dass viele Männer Glauben, Frauen und Mädchen seien nur für den Sex da. Ihre Meinung wird auch noch durch die traurige Tatsache bestätigt, dass die Opfer sich nicht trauen, dagegen zu sprechen oder sich zu verteidigen.
Seit dem Erdbeben arbeiten Organisationen wie UNICEF, Plan, World Vision und Save the Children sehr hart daran, Hunderte von kinderfreundlichen Zonen im gesamten Erdbebengebiet einzurichten und den Kindern zu helfen zu singen, spielen und ihr Trauma zu bewältigen.
Plan hat diese Zonen für verschiedene Zwecke eingerichtet. Wenn die Kinder sie am Nachmittag verlassen haben, werden sie zu Anlaufstellen für Frauen: Sichere Orte, wo sie über ihre Erfahrungen sprechen können. Erfahrungen, die nur die Frauen in Haiti machen.